Brief 1, Januar 2019

Was ist das eigentlich Wichtige, was eine Lehrerperson braucht? Was ist die wichtigste Grundvoraussetzung für diesen Job?  

Liebe Anne,

dies ist der erste pädagogische Brief an Dich und so will ich vorher klären, dass ich immer in der weiblichen Form schreiben werde, da ich ja Dir als zukünftige Lehrerin schreibe. Es ist aber grundsätzlich der Mensch gemeint, also ohne Geschlechtsunterschiede zu beachten, obwohl diese sicherlich bei genauem Hinsehen auch mal wichtig sein können. Wenn ich von „Schülern“ schreibe, meine ich auch immer den Menschen und kein spezielles Geschlecht.

Deine erste Frage ist auch für mich eine fundamentale. Damit muss sich jede auseinandersetzen, die mit dem Gedanken spielt, diesen Beruf anzustreben. Man kann sicherlich Berge von Büchern lesen, um sich einer Antwort zu nähern. Ich kann Dir im Rahmen dieses Briefes natürlich nur die Dinge schildern, die ich aus meiner Erfahrung für besonders wichtig halte. 

Es geht in der Schule darum, den Schülern dabei zu helfen, sich auf ein selbstbestimmtes Leben in unserer Demokratie und sozialen Marktwirtschaft vorzubereiten. Deshalb fragen sich die Pädagogen schon seit Jahrhunderten, wie Schule strukturiert sein soll und was gute Lehrerinnen können müssen, um Schüler gut auf die Aufgabe ihrer Lebensgestaltung vorzubereiten. Also ist Deine Frage ganz wesentlich.

Für mich ist es völlig überzeugend, dass man die Schüler nicht belehren, sondern sie beim Heranwachsen nur begleiten kann. Man kann sie nicht zu einem nachhaltigen Lernen zwingen. Wenn ein Schüler, aus welchen Gründen auch immer, nicht lernen will, hat die Lehrerin nichts Wesentliches in der Hand, um dennoch ein Lernen zu ermöglichen. Ich meine dabei immer ein Lernen, dass nicht ein sinnfreies Auswendiglernen ist (was nicht heißt, dass es auch manchmal notwendig ist, Dinge auswendig parat zu haben), sondern ein Lernen, bei dem der Schüler auch immer ein persönliches Wachstum vollzieht, wo das Gelernte immer auch Relevanz hat, für seine eigene selbstbestimmte Lebensgestaltung. Wenn Druck und Zwang ein relevantes Lernen nicht fördern kann, was ist dann möglich und muss vom Lehrer beherrscht werden um Lernen zu initiieren? Der Neurobiologe Gerald Hüther, von dem du ja auch schon einiges gehört hast, hat in diesem Zusammenhang drei Möglichkeiten aufgezeigt, die meines Erachtens dem Ziel einer humanistischen, demokratischen und hirngerechten Lernbegleitung gerecht werden. Er sagt, die Lehrperson kann den Lernenden „einladen“, „ermutigen“ und inspirieren. Das bedeutet: Wir können die Schüler, will man sie nicht zu Objekten machen und will man ihnen bei der Entwicklung von Entscheidungskompetenz helfen, nicht in einen bestimmten Weg zwingen: „Du wirst schon sehen, dass du das später brauchst…“. „Du machst das jetzt, sonst bekommst du eine schlechte Note…“. Aber wir können die Schüler einladen, einen aus Sicht der Lehrerin sinnvollen Weg zu gehen, wenn wir ihnen erklären, wassie lernen können/sollen, warumes sinnvoll ist, das zu lernen und wiesie es am besten lernen.

Viele Schüler haben durch viele Misserfolge und Beschämungen in vorherigen Familien- und Schulsituationen gelernt, dass sie bestimmte Dinge sowieso nicht können. Sie trauen sich an bestimmte Lerngegenstände (oft Mathe, Physik oder Sprachen) gar nicht mehr heran, da sie weiteren Misserfolgen ausweichen und sich nicht wieder in beschämende Situationen bringen wollen. Hier kannst Du, wenn Dein Schüler Dir vertraut, viel erreichen, wenn Du glaubhaft versichern kannst, dass Beschämungen in der Klasse nicht zugelassen werden und Du dabei hilfst, sich Herausforderungen zu stellen, die mit Erfolg zu bewältigen sind.

Einladenund Ermutigengelingt nur, wenn Du den Lernenden auch inspirierenkannst. Wenn ein Funke überspringt. Wenn Du dem Schüler wichtig bist, wenn er sich Dich zum Vorbild nehmen kann, wenn er Dir vertrauen kann, wenn Du verlässlich bist. Dies gelingt sicher nur, wenn Dir auch der Schüler wichtig ist, wenn Du an seinem Wachstum interessiert bist, wenn Du ihn als entscheidungsfähiges Subjekt siehst, das Du in seiner Selbstverantwortung fördern und respektieren wirst. Außerdem gilt: Nur wenn Du von dem, was du unterrichtest selbst überzeugt und begeistert bist, kann der Funke überschlagen. Deshalb macht es auch später Sinn, die Unterrichtsplanung nicht jahrelang immer wieder gleich zu exerzieren, sondern immer mal wieder neu zu überarbeiten und inhaltlich und methodisch zu variieren. 

Noch ein Aspekt: Aus der Neurobiologie wissen wir, dass Motivation immer aus der Erwartung einer stofflichen Belohnung (Endorphine; körpereigene Opiate) erfolgt. Der Schüler will eine Herausforderung bewältigen, die wieder zu dem erfüllenden Erfolgsgefühl führt. Dass es sich lohnt, den Weg zu gehen, den Du als Lehrerin vorschlägst, wird der Schüler nur glauben, wenn Du selber von dem Stoff überzeugt bist, wenn du glaubwürdig und verlässlich vermitteln kannst, dass sich die Anstrengung des Lernens lohnt. 

Wie Du sicher schon erkannt hast, sind die Ermutigung, das Einladenund das Inspirierenvon Schülern nur möglich, wenn zwischen Lehrerinnen und Schülern eine gute Beziehung herrscht. Dies ist meines Erachtens deshalb eine ganz wichtige Eigenschaft von guten Lehrerinnen: Sie können zu Schülern eine ehrliche, ernst gemeinte Beziehung aufbauen, bzw. sind bereit, eine solche Beziehung anzubahnen und einzugehen. D.h., die Schüler und ihr Wachstum, ihre Potentialentfaltung, liegen der guten Lehrerinam Herzen. Gute Lehrerinnenerleben Freude, wenn sie ihre Schüler beim Wachsen beobachten. Sie sind bereit, jeden Schüler erst mal so zu nehmen, wie er ist. Sie wissen auch von erst einmal „schwierigen“ Schülern, dass es eine gewaltige Leistung jedes Einzelnen war, die Kompetenzen zu entwickeln, die sie bis zum aktuellen Zeitpunkt brauchten, um die Herausforderungen des Lebens zu bestehen. Gute Lehrerinnen zeigen Respekt vor der gebrachten Lebensleistung, vor der selbständigen Entscheidungsfähigkeit jedes einzelnen Schülers. Sie drücken und zerren nicht an ihren Schülern, sondern sie locken, zeigen Wege auf, begleiten auch in schwierigen Situationen und ermutigen immer wieder, ohne die Selbstverantwortung und Entscheidungsfähigkeit der Schüler zu vernachlässigen. 

Das Aufbauen einer guten Beziehung beginnt im ersten Moment des Kennenlernens. Schüler detektieren in kürzester Zeit (wenige Sekunden bis Minuten), ob die Lehrerin vertrauens- und glaubwürdig ist. 

Jeder Mensch will gesehen werden, will bedeutsam in den Augen des Gegenübers sein, will seine eigene Existenz in den Augen des anderen bestätigt sehen. Unterstützen kannst Du das damit, dass Du jeden Schüler zu Beginn des Unterrichts mit Ruhe nicht zu kurz und nicht zu lang (wenige Sekunden) mit Respekt und Zuneigung anschaust.

Soweit erst mal zu den grundlegenden Fähigkeiten und der hilfreichen Haltung von Pädagoginnen, die es möglich machen, einen effektiven und menschlich unterstützenden Unterricht zu gestalten.

Die Arbeit mit den jungen Menschen ist die wertvollste und verantwortungsvollste, die eine Gesellschaft zu vergeben hat. Um die Beziehung zu den Schülern unterstützend und fair zu gestalten, musst Du Dich auch gut mit Dir selbst auskennen. Du solltest Dich in Dein Gegenüber einfühlen können, um die Beweggründe für sein Handeln zu erspüren und um sie zu verstehen. Nur was man selbst erlebt und reflektiert hat, kann man bei seinem Gegenüber erkennen und verstehen. Wie ich zum Beispiel mit Schülern umgehe, denen ich eine schlechte Note geben muss, kann ich am besten erkennen, wenn ich mich daran erinnere, wie es mir ging, als ich in der Schulzeit schlechte Noten bekommen habe. Was es bedeutet, an einer Aufgabe zu scheitern und von der Lehrerin und Mitschülern beschämt zu werden und was es für seelische Folgen hat, kann ich am besten verstehen, wenn ich mich an eigene Scheiterns- und Beschämungssituationen erinnere.

Hier könnte ich noch viele Beispiele bringen. Aber ich glaube, Dir ist auch so schon klar, was Friedemann Schulz von Thun so treffend ausgedrückt hat: „Willst du ein guter Lehrer sein, schau erst in dich selbst hinein“.

Dass eine Lehrerin natürlich auch über ein gediegenes Fachwissen und didaktische Methodik verfügt, konstruktiv im Team mit Kolleg*innen arbeiten will bzw. kann, die Bereitschaft hat, sich immer weiter zu bilden, sich geduldig mit den organisatorischen Notwendigkeiten des Schulbetriebs befassen kann, auch mit Eltern und Betrieben verständnisvoll kommuniziert, die notwendige Fairness und Sachkompetenz beim Korrigieren von Klassenarbeiten aufbringt und dabei jede Menge Frustrationstoleranz aktiviert und letztlich dabei sich nicht in dem Anforderungsberg verliert, gesund lebt und das Leben zu genießen in der Lage ist, will ich noch ergänzen. Dass man für die Arbeit mit Menschen viel seelische Kraft und Geduld braucht, professionell die situationsgerechte Balance zwischen Nähe und Distanz halten muss, mit eigenen Frustrationen umgehen, aber auch sich immer wieder verdeutlichen sollte, wie wichtig und erfüllend die Arbeit der Lehrerin ist, wird sicherlich noch in einigen der folgenden Briefe thematisiert werden. Hoffentlich haben dich die letzten Sätze nicht umgehauen. Es sind viele sehr verantwortungsvolle Herausforderungen, die man mit der Zeit gut beherrscht und die in der Summe eine reizvolle, erfüllende und niemals langweilige Tätigkeit beschreiben. Du wirst sehen.

Herzliche Grüße