Brief 10, November 2019

Warum ist es wichtig, dass die Schüler*innen beim Lernen Fehler machen und Umwege gehen können?

Lieber Samed,

viele unserer Schüler*innen haben Angst davor, was „Falsches“ zu sagen oder zu tun. Sie bleiben lieber stumm oder machen coole Sprüche, als sich als Mensch mit normalen Problemen zu zeigen, der seinen Weg sucht. Der „Fehler“ hat in unserer Kultur erst einmal ein Wort mit einer negativen Bedeutung. „Fehler“ und „Umwege“ beziehen sich auf Handlungen eines Lernenden, die von außen betrachtet als wenig zielführend, ineffizient oder erfolglos erscheinen. Aus der Sicht des Lernenden sind diese Lernhandlungen aber zunächst einmal Problemlösungsstrategien, die für ihn oder sie naheliegend sind. Jede Schülerin und jeder Schüler hat durch die Herausforderungen, die ihr oder ihm begegnet sind, jeweils individuelle Lernstrategien herausgebildet. 

Aktuelle didaktische Theorien, die heute unter dem Titel der „Individualisierung des Unterrichts“ diskutiert werden, zeigen sehr deutlich, dass Schüler*innen am besten lernen, wenn sie ihren eigenen Lernstrategien folgen und sich durch das Lösen von Problemen selbst von der Richtigkeit oder Effizienz einer Handlungsstrategie überzeugen. Die Neurowissenschaften zeigen sehr klar, dass nachhaltiges Lernen immer ein Weiterentwickeln von vorhandenen kognitiven Strukturen ist. Das Anlegen von Wissensstrukturen, die nicht mit den aus der individuellen Erfahrung selbst entwickelten Strukturen verbunden sind (Auswendiglernen),  haben wenig bis gar keine Auswirkung auf die in Problemsituationen eingebrachten Kompetenzen. Du solltest den Lernenden deshalb die Gelegenheit gegen, erst einmal mit eigenen Mitteln, auf den ihnen geläufigen Wegen eine Lösung für ein Problem zu finden. Dieser Versuch, ein Problem mit den eigenen Mitteln zu lösen, führt zum Erfolg oder Misserfolg. Im Falle der erfolgreichen Lösung, wird das gebildete neuronale Netzwerk gefestigt. Im Falle des Misserfolgs kannst Du als vertrauensvoll  zugewandte Lehrperson den Schüler oder die Schülerin dabei unterstützen, zu erkennen, warum seine oder ihre eigene Lern- oder Handlungsstrategie noch nicht zum Erfolg geführt hat. Der Lernende hat also keinen Fehler (der Begriff „Fehler“ wird von den Schüler*innen meistens als eine beschämende Abwertung empfunden) gemacht, sondern eine Strategie verwendet, die nicht direkt zum Ziel geführt hat. 

Es ist also didaktisch sinnvoll, die Lernenden zu ermutigen,  eigene Lösungsstrategien auszuprobieren, damit sie „gute Fehler“ oder „individuelle Experimente“ machen, mit denen sie ihr Vorwissen überprüfen und aus eigener Initiative weiter entwickeln können. Eine „positive Fehlerkultur“ kennt keine „Umwege“ im Lernprozess, kennt keine Fehler, die einen Mangel darstellen, sondern nur individuelle Lernwege, zu deren aktiven und reflektierten Beschreitung du die Schüler*innen einladen und ermutigen kannst. 

Wenn Du diesen positiven Blick auf die Lernwege der Schüler*innen hast, wirst du sicher mit einer besseren Stimmung in der Klasse belohnt, mit Schüler*innen, die sich was trauen, die keine Angst mehr haben, kreative Wege zu gehen. Diese „positive Fehlerkultur“ ist extrem wichtig für die Schule der Zukunft, die die Schüler*innen auf die dynamische Zukunft vorbereitet, deren Probleme nicht von rebellischen oder angepassten Menschen auf den immer gleichen Wegen gelöst werden können.

Noch ein letzter Hinweis: Wenn Du Schüler*innen als Klassenlehrer übernimmst, ist es wichtig, dass Du Deinen neuen Schüler die „positive Fehlerkultur“ in Deinem Unterricht verdeutlichst. Du solltest sie davon überzeugen, dass sie in Deinem Unterricht nicht beschämt werden, weil sie einen Fehler gemacht haben. Erkläre Ihnen, dass das mutige Ausprobieren für ihr Lernen deutlich effektiver ist, als jeden Fehler auf der individuellen Entdeckungsreise zu vermeiden.