Brief 11, November 2019

Warum ist der „Reflexionszyklus“ ein wichtiges Instrument für das selbständige Lernen an der Schule und im Betrieb?

„Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es vorwärts.“ Søren Kierkegaard

„Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Erfolg.“ Oskar Wilde

Liebe Jolante,

Du sprichst ein wichtiges Thema an. Das Reflektieren ist der Königsweg für die selbstbestimmte Kontrolle und Entwicklung der eigenen Entscheidungen und Handlungen in der Schule, im gesellschaftlichen, privaten und beruflichen Leben.

Nur wenn man seine Handlungen reflektiert, kann man beurteilen, ob es gut war, ob man es wieder so machen kann oder ob man beim nächsten Mal seine Vorgehensweise verändern will. Der Reflexionszyklus beschreibt eine sinnvolle Vorgehensweise bei der Überprüfung und Weiterentwicklung der eigenen Handlungen.

Das strukturierte Reflektieren zu lernen ist sowohl aktuell für Dich im Studium oder Referendariat sehr hilfreich, gehört aber auch zu den Dingen, die Du später sicher als Unterrichtender deinen Schüler*innen anbieten wirst. Ob Du eine Handlung erfolgreich durchgeführt hast, kannst Du nur überprüft, wenn Du eine Vorstellung vom Ziel der eigenen Handlung hast. Deshalb solltest Du Dir klare Ziele setzen. Bei einem Ziel handelt es sich um den Zustand, den Du erreicht hast, wenn Du am Ziel angekommen bist. Um genau sagen zu können, ob Du dein Ziel erreicht hast, ist es natürlich hilfreich, wenn Du Dein Ziel möglichst genau beschreibst. Deine Ziele sollten so genau beschrieben werden, dass Du das Ergebnis der eigenen Handlung auf Einhaltung oder Mängel überprüft kannst. 

Wenn Du mit Deinen Schülern arbeitest, eigenen sich als Ziel Ergebnisse, die sie erarbeiten bzw. Handlungsprodukte. Das können sein Checklisten, Plakate, Texte, Baupläne, Anweisungen oder Planungen für Handlungen, auch alles, was man schalten, bauen, gestalten, kurz herstellen kann. Aber auch die Planung der Durchführung eines Praktikums, Planung einer Bewerbungsmaßnahme oder das alternative Verhalten in einer emotional brenzligen Situation, etc. kann es sein. Nachdem die Schüler*innen ihre Handlung geplant und durchgeführt haben, werden sie von Dir als Lehrperson angehalten, Feedback von Dir oder anderen Lehrer*innen, Mitschüler*innen und Ausbilder*innen einzuholen. So können Sie ihr Produkt oder Verhalten bewerten und mögliche Verbesserungen entwickeln. In diesem Prozess kann bei den Lernenden der authentische Wunsch entstehen, sich Neues anzueignen, um dieses für eine weiter entwickelte Planung zu nutzen. Verhaltensalternativen, die mit Hilfe des Reflexionszyklus vom Schüler entwickelt wurden und die er oder sie umzusetzen möchte, haben ein hohes Potential, um in das individuelle Haltungs- und das Verhaltensrepertoire Eingang zu finden. Die dabei gemachten kognitiven und emotionalen Erfahrungen stärken das Selbstvertrauen und die Selbstwirksamkeitserwartung der Schüler*innen.

Liebe Jolante, am Ende dieses Textes habe ich einen Reflexionszyklus dargestellt und Schritte für den Einsatz im Unterricht formuliert. Es gibt viele verschiedene Ausführungen, die sich meist nur durch unterschiedliche Bezeichnungen für das Selbe unterscheiden. Es geht immer um eine Handlung, die nach der Ausführung auf Eignung untersucht wird. Aus dieser Reflexion kann, wenn das Ergebnis noch nicht den in der Zielbeschreibung festgelegt Erwartungen entspricht, eine neue Vorgehensweise geplant werden. Diese wird dann in der Reflexion wieder überprüft usw. 

Wenn Du oder/und Deine Schüler*innen  konsequent diesen Reflexionszyklus nutzen, seid Ihr in einem Prozess der ständigen Entwicklung Eurer Kompetenz. 

Viel Spaß dabei.

Reflexionszyklus für die Nachbereitung  von Unterricht 

(nach Korthagen)

1. Phase: Erfahrung im Unterricht

2. Phase: Zurückblicken anhand folgender Fragen

Was war wichtig für mich als Lehrende/r?

  • im Sinne von gelungen?
  • Im Sinne von verbesserungswürdig?

Was geschah genau?

  • Was waren meine  Aktionen/Reaktionen?
  • Welche Reaktionen/Aktionen zeigten die Lernenden? 
  • Welches Ziel hatten ich als Lehrende/r?
  • Welche Ziele hatten die Lernenden?
  • Welche Gefühle dominierten bei mir?
  • Welche Gefühle dominierten bei den Lernenden?
  • Was habe ich erreicht, was blieb auf der Strecke?

3. Phase: Wichtige Punkte feststellen

Welche Aspekte der Situation will ich genau prüfen und weiter entwickeln?

4.Phase: Neue Verhaltensweisen (mögliche Lösungen) formulieren

 Informationen sammeln, Ideen kreieren, Konzept weiter entwickeln, etc.

5. Phase: Neue Erfahrungen im Unterricht machen.