Brief 12, November 2019

Was versteht man unter dem Begriff „Ressourcenorientierung“

„Der wichtigste Faktor, der das Lernen beeinflusst, ist das , was der Lernende bereits weiß.“ Ausubel

„Schnitze das Leben aus dem Holz, das du hast.“ Leo Tolstoi

„In Jedermann ist etwas Kostbares, was in keinem anderen ist.“ Martin Buber

Liebe Mandana,

da stellst Du eine sehr aktuelle Frage. Während es früher, und das ist noch nicht lange her, in der Regel von Lehrpersonen auf das geschaut wurde, was ein Lernender nicht kann, was ihm oder ihr fehlt, wo Fehler gemacht wurden, wo Defizite waren, weiß man heute, dass es viel erfolgreicher ist, viel motivierender für den Lernenden, wenn auf die Ressourcen, auf das was jemand kann geschaut wird und das zurückgemeldet und gefördert wird.

Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens Ressourcen, d. h besondere Fähigkeiten, die es ihm oder ihr ermöglichen, in dieser Welt zurecht zu kommen. Um diese Ressourcen zu entwickeln müssen die im Laufe des individuellen Lebens auftretenden Probleme und Herausforderungen bearbeitet werden. Die dabei gebildeten erfolgreichen Handlungsstrategien (Wissen und Können) werden im Gehirn als Lösungsstrategien für diese Art Probleme gefestigt. Das Gehirn bildet sich also, wie die Neurowissenschaften gezeigt haben, entlang der erfolgreichen Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Problemen bzw. Herausforderungen. 

Jeder Mensch hat von daher ein anderes „Paket“ an Bewältigungsstrategien entwickelt, da jeder/ jede mit gleichen (z.B. Laufen oder Sprechen lernen) aber auch jeweils anderen Problemen bzw. Herausforderungen in seinem bisherigen Leben konfrontiert war. So lernt der Jugendliche sicherlich jeweils andere Umgangsformen (auch Bewältigungsstrategien) ob er/sie z.B. in einem „Mittelstandshaushalt“ oder in einer „bildungsfernen Familie“ aufwächst.

Ich empfehle Dir von daher, auf das zu schauen, was ein Lernender mitbringt an Verhaltensformen bzw. Bewältigungsstrategien und diese erst einmal zu akzeptieren. Jeder/jeder Schüler*in ist so geworden und hat sich diejenigen Ressourcen angeeignet, die für das „Überleben“ in seinem/ihrem Umfeld notwendig war. Das Verhalten der Lernenden, auch wenn es manchmal wenig in das Umfeld einer Schulgemeinschaft passt, zeigt auch immer Stärken und Fähigkeiten. Helfe deshalb den Schüler*innen diese Stärken und Fähigkeiten, also ihre Ressourcen  zu erkennen, weise sie aber auch darauf hin, dass der Einsatz dosiert und an die Situation angepasst geschehen muss. 

Die Pädagogik und Psychologie weiß (z.B. Stefan Marks: Scham, die tabuisierte Emotion), dass in der Lerngeschichte der meisten Schüler*innen Misserfolgserlebnisse zu finden sind, bei denen sie beschämt wurden. Diese Beschämung führt oft zu Vermeidungsverhalten, damit sie die Scham nicht wieder spüren müssen. Viele Lernbereiche werden so individuell mit einem „ das habe ich noch nie gekonnt, dafür bin ich unbegabt, das mach ich nicht,“ etc. belegt. Deshalb sollte es Dir ein besonderes Anliegen sein, den Lernenden Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, damit sie mit Freude auch diejenigen Ressourcen entwickeln, die sie benötigen, um auch im beruflichen Umfeld in der Zukunft erfolgreich zu sein. Ermutigen sie, sich auch an neue Probleme heranzuwagen, indem Du ihnen die schon angeeigneten, für die Situation hilfreichen Bewältigungsstrategien bzw. Stärken zurückspiegelst. Bieten ihnen Aufgaben an, die sie mit ihrem vorhandenen Wissen und Können und mit einem zumutbaren Maß an Anstrengung erfolgreich bewältigen können. Weise auch auf die noch fehlenden, also noch zu erlangenden Bewältigungsstrategien oder Ressourcen hin. Ermutigen sie und verdeutlichen ihnen was sie schon können, damit sie aus dieser Erkenntnis die emotionale Kraft entwickeln, sich an eine neue Aufgabe heranzuwagen.