Brief 14, November 2019

Was verstehen wir unter „Wertschätzung“ der Schülerinnen und Schüler.

„Eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt „(Laotse)

„Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag.“Charly Chaplin

„Handle immer so, dass Beziehungen gelingen können.“ Natalie Knapp

Lieber John, 

Der Mensch ist ein Gruppenwesen. Ohne Einbindung in eine Gruppe wird der Mensch in Dauerstress versetzt. Dies führt zur Schwächung des Immunsystems, der Mensch wird krank. Der Dauerstress ist zu erklären durch die lebensbedrohliche Situation, die eintrat, wenn ein Mensch in prähistorischen Zeiten nicht in einer Gemeinschaft aufgenommen war oder ausgestoßen wurde. Das hatte nämlich den sicheren Tot zur Folge. Deshalb werden Ausgrenzungserfahrungen wie Missachtung, Beschämung, Demütigung, Kränkungen aller Art vom Gehirn als Angriff gewertet, die direkt die Gesundheit und damit das Überleben bedrohen. Ausgrenzungserfahrungen werden im gleichen Gehirnbereich (Schmerzzentrum) verarbeitet wie körperliche Bedrohungen. Der Körper reagiert deshalb auf Ausgrenzung genauso wie auf lebensbedrohende Angriffe von außen mit Flucht, Erstarrung oder ebenfalls mit Aggression. 

Es lässt sich so gut verstehen, warum beschämte, ausgegrenzte oder gedemütigte Schülerinnen und Schüler mit Erstarrung (z.B. Wegducken, unsichtbar Machen, durch Coolness sich gegen Kränkung panzern, etc.), Flüchten (Schule schwänzen, ungeregelte Pausenzeiten, etc.) oder mit Aggression (plötzliche Angriffe auf Mitschüler oder Lehrer*innen) reagieren. Schülerin und Schüler sollen sich in der Schule wohlfühlen, d.h. sich sicher, aufgenommen und respektiert fühlen. Dies ist eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges Lernen.  So ist es von größter Wichtigkeit, dass sich jeder und jede beachtet fühlt, die Würde als Mensch uneingeschränkt anerkannt und respektiert wird und ihr oder ihm erst einmal Vertrauen entgegengebracht wird. 

Echte Wertschätzung zeigst Du Deinen Schüler*innen, wenn Du Dich wirklich auf sie einlässt. Du musst genau hinschauen, Dich einfühlen um ihre Bedürfnisse zu erfassen, echtes Interesse an der Person zeigen und vor allem Dir Zeit nehmen auch mit individuellen Gesprächen eine gelingende Beziehung aufzubauen. Du solltest genau hinsehen, was die Schüler*innen an Kompetenzen für eine gelungene Lebensgestaltung mitbringen und diese Deinen Schülern zurückspiegeln. Ich habe mal in einem Buch zum „Neuen Denken im Betrieb“ gelesen, dass zum Aufbau eines guten, wertschätzenden Klimas das Verhältnis von Rückmeldung über die Kompetenzen des Mitarbeiters zur kritischen Rückmeldung mindestens 5 : 1 sein sollte.

Du kannst durch „Ankommensrunden“ für die Anbahnung von gelungenen Gruppenprozessen und intensiver persönlicher Ansprache sorgen und dafür, dass jede und jeder sich gesehen und eingebunden fühlen kann, dass er oder sie sich in einer guten „Beziehung“ zu Dir und den Mitschüler*innen erleben kann. Wertschätzung bedeutet aber auch, dass Du den Lernenden durch angemessene Herausforderungen zeigst, dass Du an ihre Leistungsfähigkeit und ihre Potentiale glauben. Schön und passend finde ich in dem Zusammenhang die Empfehlung des schweizer Autors Peter Keller: „Weniger werten und mehr wertschätzen führt zu Mehrwert für alle. „