Brief 15, November 2019

Was verstehen wir unter Inklusion?

 Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention
(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,

  1. die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;
  2. Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;
  3. Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.

“Mischwald ist besser als Monokultur.” Hilbert Meyer

Liebe Hannan,

Inklusion bedeutet im Kern für die Lehrer*innen, dass sie im Rahmen der vorhandenen Ressourcen jedem Schüler und jeder Schülerin die Unterstützung zukommen lassen, die er oder sie braucht, um „…ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen …“[1] zu können. 

Ausgangsüberzeugung oder Haltung, die hinter dieser pädagogischen Arbeit steht ist, dass jede und jeder Jugendliche das Wissen, die Fähigkeiten und Fertigkeiten und die Haltung zu sich und der Welt mitbringt, die notwendig waren, um ihr Leben in dem Rahmen, in dem sie aufgewachsen sind, erfolgreich bewältigen zu können. Die Lehrer*innen respektieren und achten die Lebensleistung der Schüler*innen und bauen auf diesen Ressourcen auf. Dabei gehen sie davon aus, dass sie ihr Vorhaben, die Schüler*innen dabei zu unterstützen und zu begleiten, ihre Potentiale voll zur Entfaltung zu bringen, nur erreichen werden, wenn sie die spezifischen geistigen, emotionalen oder körperlichen Handicaps einerseits und die besonderen Ressourcen andererseits erkennen und sich auf jeden einzelnen Schüler oder einzelne Schülerin einstellen. Die Lehrer*innen sind bemüht ihn oder sie zu verstehen und zu erkennen, welche spezifische Unterstützung oder Herausforderung jeder Einzelne benötigt. (Wie Du erkennen kannst, ist dieser Begriff der Inklusion, nicht nur auf Menschen mit Handicap bezogenen, sondern steht zu der Notwendigkeit, jeden Schüler oder jede Schülerin unabhängig von „zertifizierten“ Behinderungen oder Assistenzbedarfen bezogen auf ihren nächsten Entwicklungsschritt zu fördern und zu fordern.) Inklusion bedeutet damit auch, dass die Schule sich verändern muss und so weiter entwickeln, dass die Schüler ein für ihr geistiges, seelisches und körperliches Wachstum möglichst optimales Angebot bekommen. Das entsprechende Ziel ist nicht zu erreichen, wenn die Lehrer*innen sich nur darauf verlassen, dass die Schüler*innen sich in die Gegebenheiten der jeweiligen Schule integrieren bzw. sich anpassen. Das der Inklusion angemessene didaktische Konzept ist das des „Individualisierten Unterrichts“. Dieses Konzept setzt darauf, dass durch ein differenziertes Lernangebot jede Schülerin und jeder Schüler die Herausforderungen bekommt, die sie oder er mit etwas Anstrengung schaffen kann. Dabei werden durch die Begleitung der Lehrer*innen die Schüler*innen möglichst in die Lage versetzt, selber ihr Lernen zu planen. 


[1]  Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention