Brief 17, Dezember 2019

Ich bin immer aufgeregt, teilweise habe ich sogar  Angst bevor ich in den Unterricht gehe. Besonders wenn andere Personen zuschauen. Bei Besuchen von Ausbildern ist es besonders schlimm. Liegt das an mir? Was kann ich tun?

Angst ist eine Lebens- und Verhaltensweise, die der Bewältigung innerer und äußerer Bedrohung dient. Reinhard Haller

Wer die Angst meidet, kommt darin um. Reinhard Haller

Lieber  Tobias,

Aufregung und Angst vor dem nächsten Unterricht, vor Unterrichtshospitationen und vor Lehrproben sind völlig normal. Du kannst davon ausgehen, dass die meisten Lehrer*innen im Referendariat Angst gehabt haben. Die Angst vor der typischen Unvorhersagbarkeit des Unterrichts schwindet in der Regel auch nicht vollständig und das ist wie Du gleich lesen wirst, auch gut so. Sie wird allerdings schwächer.

Die Angst ist ein Gefühl, das nur wir Menschen haben. Wir haben sie, weil wir mit unserem Bewusstsein in die Zukunft schauen können bzw. Annahmen über die Zukunft konstruieren können. Die Angst warnt uns davor, falsche Entscheidungen zu treffen. Diese könnten unter Umständen dazu führen, dass wir uns in Gefahrensituationen für unseren Körper oder unsere Seele begeben. Im Kern will die Angst verhindern, dass wir Entscheidungen treffen, die uns in Situationen führen, in denen unser Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit nicht gestillt wird. Wir Menschen sind Gruppenwesen, die ohne Gruppe letztlich nicht überleben können. Diese Angst entstand in den Jahrtausenden, in denen jedes menschliche Individuum auf eine Gruppe in der Wildnis angewiesen war um zu überleben. Falsche Entscheidungen sind aus der Sicht der individuellen Angst immer diejenigen, die uns in Situationen bringen, die die Gefahr bergen, uns aus einer Gemeinschaft zu isolieren. 

Wenn Du Angst vor der Klasse hast, dann wahrscheinlich deshalb, weil Du es gut machen willst, Du die Anerkennung Deiner Schüler und Deiner Ausbilder haben willst. Du willst in „Deiner Gruppe“, der Gemeinschaft der Referendare anerkannt sein, willst als einer gelten, der es kann und respektiert wird, der dazu gehört. Deshalb wirst Du Deinen Unterricht gründlich planen. Es soll nichts dem Zufall überlassen werden. Deine Angst, dass der Unterricht schief läuft und Du nicht mehr weiter weißt, führt vielleicht dazu, dass Du alles bis zum letzten I-Tüpfelchen planst und vorbereitest. Aber Unterricht ist eine Situation, die man nicht wirklich perfekt planen kann. Du kannst Dich gründlich inhaltlich vorbereiten, eine gründliche Analyse der Schülervoraussetzungen und deren Lernstände vornehmen, Du kannst eine minuziöse Methodenplanung entwerfen und es kann dennoch ganz anders laufen, als Du Dir vorgestellt hast. Denn Deine Schüler sind als menschliche Wesen nicht wirklich berechenbar. Sie haben ihren eigenen Kopf, sie haben ein Verständnis von manchen Dingen, die Du wegen einer anderen Sozialisation und  Erfahrungshorizontes nur schwer nachvollziehen kannst. Sie leben ihr Leben mit Problemen in der Familie, mit der Notwendigkeit zu Jobben, sie sind möglicherweise verliebt oder haben sich gerade getrennt. Es gibt viele Ereignisse im Leben Deiner Schüler*innen, die ihr Verhalten massiv auch beeinflussen, wenn sie in der Schule sind und die Du nur schwerlich in der Planung berücksichtigen kannst. 

Diese Ungewissheit, also die Tatsache, dass man Schüler*innen nicht wirklich „ausrechnen“ kann, ist sicherlich oft die Quelle der Angst der Lehrer*innen. Du solltest Dir klar machen, dass Du in der Klasse Menschen vor Dir hast, die entscheiden können und diese Entscheidungsfähigkeit das besondere ist, das sie als Menschen ausmacht. Wenn Du sie als entscheidungsfähige Subjekte behandelst, was beinhaltet, dass Du scheitern kannst mit Deiner Planung, wirst Du Deiner Hauptaufgabe gerecht, Deine Schüler*innen dabei zu begleiten, sich zu selbstbestimmten, selbstverantwortlichen und entscheidungsfähigen Wesen zu entwickeln. Wirst Du sie behandeln als die Objekte Deiner Unterrichtsplanung, die so zu handeln haben, wie Du es haarklein vorbereitet hast, sorgst Du vielleicht vordergründig für die Reduzierung Deiner Angst, wirst aber Deiner Aufgabe als Lehrer nicht gerecht. Deine Angst vor der Ungewissheit ist also ein Gefühl, was ein guter Lehrer willkommen heißen kann, weil es ihm hilft, immer wieder zu realisieren, dass er keine Objekte sondern entscheidungsfähige, sich selbst organisierende Wesen vor sich hat. Sicherlich musst Du Dich inhaltlich gut vorbereiten, musst wissen, was Dein Ziel im Unterricht ist und welchen didaktisch sinnvollen Weg  Du Deinen Schüler*innen anbieten willst. Aber eine perfekte Unterrichtsplanung, die Du vielleicht aus Deiner Angst heraus erreichen willst, ist weder möglich noch sinnvoll. Du kannst aber diese Angst konstruktiv nutzen, indem Du die sie auslösende Unsicherheit über das was kommt verringerst, indem Du Deine Schüler in die Zielfindung und Planung des Unterrichts mit einbindest. Indem Du nicht die von Dir zu Hause entworfene Unterrichtsplanung in der Klasse „exekutierst“, sondern die Schüler*innen bei der Zielsetzung und Verlaufsplanung beteiligst. Deine gründliche Vorbereitung wird Dir helfen, den geäußerten Schülerwünschen mit hoher Flexibilität gerecht zu werden.  Perfektion kann hingegen nicht die Lösung sein. Sollten irgendwelche Argumente dagegen sprechen, die Schüler*innen mitentscheiden zu lassen, so solltest Du ihnen zumindest sehr deutlich erläutern, welchen Sinn Deine Planung für sie macht, welchen Gewinn sie haben, wenn sie Deinem Angebot folgen. Du behandelst sie dann nicht wie Objekte ohne Willen, sondern nimmst sie ernst und förderst sie in ihrer Entscheidungsfähigkeit. Dadurch wird die Unberechenbarkeit des Schülerhandelns deutlich herab gesetzt und Deine Angst wird sich zurück ziehen.  

Du schreibst, dass Deine Angst vor Prüfungssituationen noch weitaus größer ist.

Das ist gut zu verstehen, da die Angst ein Maß für die Ungewissheit ist, innerhalb derer Du Entscheidungen fällen musst. Denn Du kannst wie gezeigt, weder die Schüler genau „ausrechnen“, noch kannst Du wissen, wie  die Prüfer in Deinem Fall die Bewertungskriterien auslegen. Es kommt also ein weiteres Feld an Ungewissheiten hinzu, die Dir Angst machen. Nun kann man ja fordern, dass die Bewertungskriterien genau formuliert werden, sodass ein Referendar sich sicher sein kann und eine klare Orientierung bekommt. Dieses würde aber der Situation des Unterrichts nicht gerecht. Der Unterricht wird von so vielen Merkmalen beeinflusst, dass eine genaue Beschreibung eines „guten Unterrichts“ nicht möglich ist. Allein die oben dargestellte Tatsache, dass es sich bei den wichtigsten Aspekten, die Unterricht gestalten, um letztlich nicht ausrechenbare Subjekte geht, macht eine genaue, verlässliche Beschreibung von gutem Unterricht nicht möglich. Guter Unterricht ist immer dann gegeben, wenn die Schüler sich gut entwickeln können. Diese „gute Entwicklung“ ist aber von sehr vielen Einflüssen abhängig, sodass eine genaue Beschreibung nicht möglich ist. Wollte man es doch durchführen, würde man in sträflicher Weise die Schüler*innen als entscheidungsfähige Wesen missachten. Außerdem würde es dazu führen, dass in allen Prüfungen die die zu Prüfenden den Unterricht nach dem gleichen Strickmuster, wie in den Bewertungskriterien vorgegeben, gestaltet würden und die Lehramtsanwärter damit der Besonderheit der Klasse und des Themas  nicht gerecht würden.

In Deiner Zukunft als Lehrer wirst Du erkennen, dass es auch so etwas wie „Angstlust“ gibt. Damit Dir das Unterrichten nicht langweilig wird und Du Deinem Bedürfnis, es für Deine Schüler*innen gut zu machen, nachgehen kannst, wirst Du immer wieder Neues ausprobieren. Du wirst neue Themen suchen und unterrichten, Du wirst Dir neue Methoden ausdenken und mit neuen Medien experimentieren. Wenn Du etwas das erste Mal unterrichtest, wird das immer mit Unsicherheit verbunden sein. Du wirst Dich dann wieder fragen, ob Du die richtigen Entscheidungen getroffen hast. Du wirst wieder das Gefühl der Angst spüren. Es kommen wieder die Fragen auf: Hab ich an alles gedacht? Werden die Schüler mitmachen oder es doof finden; etc.?

Aber diese Angst wird damit belohnt werden, dass Du Erfolg hast, dass Du wieder die Angst überwunden hast, dass Du wieder was gelernt und gewachsen bist. Der Angst folgt die Lust des Erfolgs. Diese Angstlust hält Dich wach und lässt Dich  wachsen bis zur Pensionierung und ist eine verlässliche Quelle der Freude des Unterrichtens.

Wenn Du ganz konkret vor einer Hospitation, vor einer Prüfung oder vor der ersten Stunde in einer neuen Klasse etwas gegen die ansteigende Angst machen willst, so ist es hilfreich, das Du dich bewegst, d.h. Sport machst, auch autogenes Training und Yoga  ist für viele hilfreich. Natürlich hilft gegen die Anspannung auch, sich in die Gemeinschaft mit Freunden zu begeben. 

Wie Du bisher gesehen hast, ist die Angst etwas, das für Lehrer*innen zwar  unangenehm ist, aber doch eine wichtige Funktion für den Umgang mit Schülern hat. 

Wer diese Angst überwindet, ist mutig. Man sagt auch: „Wo die Angst ist, ist der Weg.“

Nur wenn Du Dich mutig in neue und ungewisse Situationen hinein begibst, kannst du die Angst bändigen und wirst dabei stetig wachsen. Die Angst, der man ausweicht, wird immer größer. Deshalb macht es auch Sinn, dass Du Dich mit Referendarskolleg*innen über Deine Ängste austauschst. Du wirst erkennen, dass es den Anderen auch nicht anders geht, als Dir. Du wirst erkennen, dass die Angst Dir hilft, Deinen Beruf gut zu machen und zu einem lebendigen und herausfordernden Leben dazugehört und es spannend und lebenswert macht.