Brief 2, Januar 2019


Wie viel Idealismus ist in diesem Job richtig? Wie viel tut mir gut und motiviert mich selber und wie viel überfordert mich und macht mich kaputt?

Liebe Berta,

wie ich Dir im ersten Brief schon beschrieben habe, ist es für die Arbeit mit Schülern fundamental wichtig, dass man sie möglichst für einen Sachverhalt, für eine Fragestellung, für ein Thema begeistern und inspirieren kann. Der Lernprozess ist besonders nachhaltig, wenn man für das, was man lernt, auch brennt, wenn man emotional berührt ist. Dieses Interesse entsteht bei Schülern oft durch die Beziehung und die Kommunikation mit ihrer Lehrerin. 

Damit das Interesse – scheinbar wie ein Funke – überspringt, muss die Lehrerin natürlich auch für ein Thema brennen und inspiriert sein. Neben dem eigenen Interesse für ein Thema hat die gute Lehrerin das Anliegen, ihre Schüler optimal zu begleiten, sie bei ihrem persönlichen Wachstum zu unterstützen. Sie will hilfreich und gerecht sein, die Schüler auf die Anforderungen anstehender Prüfungen vorbereiten, sie fit machen für eine erfolgreiche Berufskarriere, sie befähigen, die demokratische Gesellschaft aktiv mitzugestalten und auch den privaten Bereich erfüllend zu gestalten und sich gesund zu erhalten. Im Wissen um die Individualität jedes Schülers strebt die gute Lehrerin natürlich an, den Unterricht so zugestalten, dass jeder Schüler eine für seine Lernvorlieben und Möglichkeiten angemessene Lernumgebung in der Schule vorfindet. Du denkst sicher auch, dass diese „Forderungen“ an eine gute Lehrerin sinnvoll und wünschenswert sind. Man könnte auch sagen, dass sie eine IDEALESchule beschreiben und von einer idealen Lehrerin umgesetzt werden müssen. Es ist aber auch klar, wenn man als Pädagogin in den staatlichen Schulen unterwegs ist, dass man nicht immer die Voraussetzungen vorfindet, die es ermöglichen, den Schülern die notwendige optimale Lernumgebung anzubieten. Oft sind die räumlichen und technischen Ausstattungen dürftig, die Ressourcen an pädagogischem Personal bei Weitem nicht ausreichend und die Klassen so groß, dass eine nachhaltige individuelle Betreuung jedes Schülers illusorisch erscheint. Oft liegt aber auch kein pädagogisches oder didaktisches Konzept vor, um den Unterricht und die Lernbegleitung zu optimieren. Man muss also ein erheblichesMaß an „IDEALISMUS“ haben, um nicht zu verzagen und aufzugeben, sondern das Optimale aus den gegebenen Bedingungen zu machen. Dazu gehört es sicher auch, seine Arbeit zu hinterfragen und zu optimieren, sich pädagogisch, didaktisch und psychologisch fortzubilden, an Schulentwicklungsprozessen teilzunehmen, sich an schulpolitischen Initiativen etc. zu beteiligen. Dieser Idealismus ist immer deinIdealismus. Es ist immer deineindividuelle Begeisterung für die Arbeit mit den Schülern, ohne die eine erfolgreiche Arbeit in der Schule nicht funktionieren kann. Es sind deinereflektierten Ziele und Anliegen, die deineArbeit leiten. Sicherlich gibt es Lehrpläne, die sich auf das beziehen, was die Schüler in der Schule lernen sollen, an die man sich in der Regel auch hält. Aber in wie weit das erfolgreich umgesetzt wird und in wie weit die Schüler das Angebot nutzen, um persönlich zu wachsen, um eine selbstbestimmte und sozial kompetente Persönlichkeit zu entwickeln, ist eng damit verbunden, wie Duden Unterricht gestaltest und die Schüler in einer persönlichen Beziehung begleitest. Diese DeineZiele und die Art und Weise, wie Dumit den Schülern arbeitest führen zu DeinemErfolg. Und dieser deinErfolg – Du wirst es erleben – führt zu Deiner Begeisterung und zu DeinerZufriedenheit und wird Dir die Kraft geben, diese wichtigste aller Aufgaben, weiter mit Freude zu gestalten. Aus dem, was ich oben geschrieben habe, kann man entnehmen: der Idealismus der guten Lehrerin ist die „Conditio-sine-qua-non“ für eine gute Schule und ein erfülltes Lehrerinnenleben.

Aber man kann es natürlich auch übertreiben. Wenn man dazu neigt, alles perfekt zu machen, nicht zu ruhen, bis alles höchsten Maßstäben genügt, z.B. alles bis auf den letzten Aspekt gerecht bewerten will, kann man leicht die für die eigene Gesundheit notwendige Balance zwischen Arbeit und Erholung verlieren, seine Kraftreserven überfordern und dann in ein Burnout hineingeraten. Sicherlich ist es für die Schüler und für das Schulsystem toll, wenn die Lehrerin höchste Ideale hat und im höchsten Maße engagiert ist. Aber was nützt es den Schülern und der Schule, wenn die Lehrerin schnell erschöpft ist, die Lust an der Arbeit verliert, nicht mehr ermutigenkann, weil sie selber Ermutigung braucht, nicht mehr inspirierenkann, da ihr die Kraft zur Begeisterung fehlt, und sich auch nicht mehr für etwas einladenlassen kann, weil sie schlichtweg erschöpft ist. Es ist also eine wichtige Kompetenz der Lehrerin, dass sie ihre Begeisterung, ihren Idealismus pflegen, aber auch zügeln kann. Balance ist das Zauberwort. Die notwendige Balance in solchen Spannungsfeldern, wie gerade beschrieben, lassen sich am besten in sogenannten „Wertequadraten“ darstellen.

Wertequadrat

Die beiden Begriffe in den oberen beiden Kästen sind die auszubalancierenden positiven Werte. Die beiden Begriffe in den beiden unteren Kästen sind die „Unwerte“, die aus der maßlosen Übertreibung eines der Werte oben entstehen, wenn ein Wert übertrieben oder eben nicht durch den notwendigen Gegenwert ausbalanciert wird. Ungezügelter, also nicht durch die Beachtung des zur Verfügung stehenden Ressourcenrahmens ausbalancierter Idealismus führt so leicht zur Überforderung und zum Zusammenbruch. Und eine unangemessene Beachtung des zur Verfügung stehenden Ressourcenrahmens (bezahlte Arbeitszeit), die nicht gerechtfertigt ist durch die beruflichen Ziele und das schülerbezogene Anliegen der Lehrerin, führt zu einem inspirationslosen Dienst nach Vorschrift, der im pädagogischen Bereich prinzipiell wirkungslos bleiben muss. Das Modell des Wertequadrates (kannst Du noch einmal nachlesen bei Schulz-von-Thun: Miteinander reden) will nicht darauf hinweisen, dass der klügste Weg immer in der Mitte liegt. Vielmehr ist es situationsabhängig, ob die Balance zwischen den positiven Werten eher bei dem einen oder bei dem anderen Wert liegt. Du wirst es sicherlich manchmal für notwendig erachten, sehr viel Zeit zur Korrektur einer Klassenarbeit zu verwenden, da das Thema fundamental für die Weiterarbeit ist und du unbedingt herausbekommen willst, wo die Schüler noch Schwächen haben, die nachzuarbeiten sind. Andererseits kannst du auch mal eine Klassenarbeit mit Ankreuzaufgaben so konzipieren, dass dann die Korrekturzeit deutlich geringer ist, wenn du z. B. Zeit brauchst, um ein neues Thema gründlich vorzubereiten.  Dieses selbstbestimmte Zuteilen von Arbeitszeit zu den Aufgaben der Lehrerin ist eine hohe Kompetenz, die gelernt werden muss. Wenn Du alles perfekt machen willst, wirst Du das nicht lange durchhalten, denn letztlich sind alle Aufgaben der Lehrerin wichtig und eigentlich von grenzenlosem Umfang. Wann Du fertig bist, kannst nur Du selbst festlegen. Das ist Deine Entscheidung. Und die ist nicht einfach. Wenn du mehrere Tage in der Woche bis lange in die Nacht für die Schule arbeitest, ist was faul. Das kann schon mal nötig sein, muss aber unbedingt durch Erholungszeiten ausbalanciert werden. (Arbeiten bis in die Nacht kann im Referendariat manchmal notwendig sein. Ist aber oft ein Zeichen von nicht so günstiger Zeitplanung, zu großem Ehrgeiz oder einer meist realistisch gesehen unbegründeten Angst vor dem Scheitern vor der Klasse.)Untrügliches Zeichen von Überarbeitung ist es, wenn man längerfristig die Lust verliert, wenn man sich nicht mehr auf die Schüler freut. Andererseits wirst du erleben, dass Du bei der Planung einer neuen Stunde für deine Lieblingsklasse in einen „Flow“ kommst, die Arbeit Dich nicht belastet, sondern sehr viel Freude macht. Dann ist Unterrichtsvorbereitung wie ein Hobby, das in hohem Maße befriedigt. Und wenn die umfangreiche Vorbereitung dann zu einer schönen Stunde führt, in der Du das Gefühl hast, dass Du die Schüler berühren konntest, bekommst du durch die Situation so viel zurück, dass sich deine Balance mit einem Glücksgefühl wieder neu einstellt. 

Um den Idealismus auszubalancieren ist auch die Kenntnis vom sogenannten „Pareto-Prinzip“ hilfreich:

Es besagt, dass man mit ca. 20% der Arbeitszeit schon 80 % der zu verrichtenden Arbeit in ausreichender Qualität verrichten kann. Um alles perfekt zu machen, braucht man dann für die restlichen 20 % noch einmal 80 % der Zeit. 

Das funktioniert natürlich nur, wenn Du dir einen Plan machst von dem, was Du tun willst. Dann musst Du die wichtigstenSachen/Schritte kennzeichnen, sie in eine sinnvolle Reihenfolge bringen und sie mit einem ungefähren Zeitkontingent versehen. Die Summe der Zeiten darf natürlich die Gesamtzeit, die dir zur Verfügung steht, nicht überschreiten.  Du solltest Dich dann bei der Durchführung z.B. der Unterrichtsplanung erst einmal an die Zeiten, die du den einzelnen Tätigkeiten (Ziel formulieren, Ablauf planen, Medien herstellen, etc.) zugewiesen hast, halten und alle Schritte vollziehen, so gut es in der vorgesehenen Zeit geht. (Es macht wenig Sinn, erst einmal mit viel Liebe und Perfektionismus (…das muss alles noch laminiert werden…) die Medien herzustellen und dann keine Zeit mehr für die eigentliche Unterrichtsplanung zu haben oder sie dann zwischen 23 und 24 Uhr schnell zusammen-zu-schustern.)

😉

Es sind dann alle relevanten Aufgaben der Unterrichtsplanung in einer in der Regel genügenden Qualität erledigt. Wenn du dann noch Zeit und Lust hast, kannst du noch Klein- und Kleinstarbeiten machen. Sollte es dein Zeitkontingent allerdings nicht zulassen, dass du weiter an der Vorbereitung der Stunde arbeitest, wirst du mit dieser Vorbereitung sicherlich schon einen guten Unterricht machen können. Auch weil du nicht übermüdet bist und weil Vorbereitung und Unterrichtseffekt in einem angemessenen Verhältnis stehen, steigert das deine Zufriedenheit. Und ein nicht perfekt vorbereiteter Unterricht muss nicht zwangsläufig schlecht laufen. Jeder „Alte Hase“ kann dir Geschichten erzählen von bestens gelaufenem Unterricht, dessen Verlauf er sich erst in der S-Bahn überlegt hat. Außerdem können Schüler in der Regelden Unterricht in seiner Qualität gar nicht so genau einschätzen. Sie haben in der Regelgar keine Kriterien für die Güte von Unterricht und wünschen sich doch oft Unterrichtsformen, die aus didaktischer Sicht eher von fragwürdiger Qualität sind (z.B. durchweg Frontalunterricht). Wenn Du eine gute Beziehung zu deinen Leuten hast, nehmen sie Dir auch mal einen Fehler, ein Nichtwissen oder ein diffuses Auftreten nicht übel. Um zu erleben, dass auch Unterricht ohne penible Vorbereitung möglich ist, lassen manche Mentoren ihre Referendarinnen auch gezielt mal ohne Vorbereitung in die Klasse gehen. Das hat einen ähnlichen Effekt wie Fallübungen beim Kletternlernen. Es folgt der Regel: „Der Weg aus der Angst führt durch die Angst“ und stärkt die Gewissheit: „Es ist noch immer gut gegangen“!!! 

Liebe Grüße