Brief 3, Januar 2019

Wie schaffe ich es, nach den Unterrichtsbesuchen nicht nur auf das zu gucken, was nicht geklappt hat und zu denken, dass ich NICHTS kann?

Liebe Clara,

Hospitationen des Unterrichts von Referendaren sind ganz besondere Situationen in deren Ausbildung. Sie bekommen die uneingeschränkte Aufmerksamkeit ihrer Ausbilder und können von deren jahrelangen Erfahrung profitieren. Eigentlich eine ganz besondere Praline. Wann sind schon mal 2 oder 3 Personen aufmerksam, um Dich in Deiner Entwicklung zu fördern. Was wird da für deine Entwicklung ein Aufwand betrieben? Aber aus Sicht des Staates natürlich gut investiertes Geld, denn so stellt er weitgehend sicher, dass nur gute Leute Verantwortung für die Zukunft der Gesellschaft, nämlich für Schüler, übernehmen können. Die Hospitationen sind hauptsächlich für die Förderung der Referendarinnen vorgesehen, während die Lehrproben natürlich auch sichern sollen, dass ungeeignete Bewerber nicht zum Schuldienst zugelassen werden. Obwohl, wie geschildert, die Hospitationen sehr wichtig für eine gute Lehrerausbildung sind, machen sie den Betroffenen erheblichen Stress. Das ist gut verständlich. Wer will schon bei seiner Arbeit systematisch beobachtet, um anschließend (gefühlt) aufs Genaueste für jede Kleinigkeit Rückmeldungen zu bekommen. Der Effekt einer solchen Hospitation ist, dass man die Chance hat, wesentliche Dinge zu verändern, die man selbst (blinder Fleck) gar nicht erkennen kann. Wenn dann in einer professionellen Nachbesprechung neben den zu entwickelnden Bereichen auch das beschrieben wird, was schon beherrscht wird, was die Stärken der Referendarin sind, kann die Hospitation und ihre Nachbesprechung durchaus auch eine Quelle des Erfolgs und des Glücks sein. Eine Hospitation ist dann eine gelungene Veranstaltung, wenn der Hospitierende sie professionell gestaltet und wenn auch der Hospitierte in der Lage ist, das Optimum aus der Veranstaltung für seine weitere Entwicklung zur guten Lehrerin heraus zu holen. 

Der Ausbilder wird in einer positiven, möglichst entspannten Atmosphäre sowohl den Kontakt der Referendarin zu ihren Schülern beschreiben sowie die schon beherrschten Skills benennen, aber natürlich auch die zu verbessernden Situationen fokussieren und im konstruktiven Gespräch Möglichkeiten erarbeiten, eine für die Schüler lernförderliche Situation zu gestalten. 

Die Aufgabe der Referendarin ist, für sich das Optimale aus der Besprechung heraus zu holen. Wie in Deiner Frage anklingt, ist das nicht nur eine methodische Frage. Es geht auch darum, wie man als Empfänger der Rückmeldung mit einer hilfreichen mentalen Einstellung in die Hospitationsbesprechung geht. Es kann nämlich sein, dass man mit einer übertriebenen selbstkritischen Einstellung stärkenden Rückmeldungen, die Beschreibungen dessen, was man schon kann, gar nicht wahrnimmt und die kritischen Rückmeldungen viel höher gewichtet. Man geht dann aus der Nachbesprechung mit einem riesigen Mühlstein um den Hals heraus. Man denkt, man könne eigentlich gar nichts, sei völlig ungeeignet für den Beruf, ist mutlos und will erst mal alles hinschmeißen. Meldet man das dann dem Hospitierenden zurück, fällt der oft aus allen Wolken, da er sich völlig missverstanden fühlt. Offensichtlich hatte die Referendarin nur ein Ohr für die Punkte, die verbessert werden sollten, die positiven Dinge wurden gar nicht gehört. Die Frage ist ganz klar: Wie kann ich mich als Referendarin mental gut auf die Hospitation und die Nachbesprechung vorbereiten?

Ich würde gerne dazu zwei Modelle von „Schulz von Thun“ anwenden:

Zuerst das Modell des „inneren Teams“. 

Vor einer Hospitation gehen einem ja so typische Gedanken durch den Kopf wie: „Hoffentlich denke ich an alles; hoffentlich bekomme ich kein Blackout; hoffentlich machen die Schüler mit und stellen keine Fragen, die ich nicht beantworten kann; hoffentlich funktioniert der Versuch, funktioniert der Beamer, aber auch: Das müsste gut klappen; der Entwurf ist stimmig; mal sehen ob es klappt; denen werde ich mal zeigen, was ich mit meinen Schülern schon erarbeitet habe; ich spüre auch ein bisschen Lust auf die Stunde, etc.

Schulz von Thun weist diesen inneren Stimmen, unserer Gedanken, die jeder von uns in seinem Inneren sprechen hört, sogenannten „inneren Teammitgliedern“ zu. Diese Teammitglieder quatschen ständig durcheinander. Die Vorsichtigewill möglichst jeden Schritt dreimal prüfen, die Kritikerinlegt alles auf die Goldwaage und wägt ständig zwischen Möglichkeiten ab, die Mutigegeht nach vorne auf die Bühne und will von allen gesehen werden und ihr Bestes geben, die Sachlicheüberprüft alles nochmals gründlich und lässt keine unangemessene Kritik oder Lob zu, die Hoffnungsvollebesinnt sich auf die vergangenen Erfolge, die Neugierigeist offen, für das, was da kommt und freut sich auf die Reaktion der Schüler. Auch die Kompetenteist nicht zu vergessen, auf die Du Dich verlassen kannst, usw. Jeder hat andere Teammitglieder, die unterschiedlich stark auftreten, die aber letztlich alle entstanden sind in vergangenen Lebenssituationen, um das Ich erfolgreich und gesund durch die Herausforderungen des Lebens zu bringen. Nicht alle Teammitglieder sind aber in allen Lebenssituationen hilfreich. Wenn ich in den Unterricht gehe, habe ich natürlich nicht die Vorsichtige oder die Kritikerin vorne auf der Bühne, sondern die Mutige, die Sachliche, die Kompetente, die Neugierige und  die Hoffnungsvolle können helfen. So gehe ich gut aufgestellt in die anspruchsvolle Situation und lasse mich nicht emotional unangenehm überraschen. 

Schulz von Thun empfiehlt, die Teammitglieder, die z. B. im Unterricht nichts verloren haben, darauf zu vertrösten, dass sie Beachtung finden in den Situationen, in denen Sie besonders nützlich sein können. Die Kritikerin ist in der notwendigen Nachreflexion des Unterrichts natürlich hilfreich, weil sie das Ich auf Bereiche hinweist, die verbessert werden sollten. Hier ist natürlich auch eine Rotkreuzschwester hilfreich, damit man sich nicht selber zu sehr rannimmt. Du kannst auch einen inneren Anteil beauftragen, auf die positiven Hinweise der Hospitierenden in der Nachbesprechung zu achten, so eine Art Pilzsammler mit Körbchen für goldene Rückmeldungen. Du kannst dir also vorsorglich ein Team zusammenstellen, das dir hilft, das Beste aus der Situation zu machen. 

Das zweite Modell von Schulz von Thun, das in Hospitationssituationen und gerade in Nachbesprechungen hilfreich ist, ist das Modell von den „Vier Seiten einer Nachricht“. Wenn du das Modell noch nicht kennst, kannst du es auch im Buch“ Miteinander reden“ nachlesen.

Schulz von Thun zeigt, dass jede Nachricht immer vier Anteile bzw. Botschaften hat. 

  1. Der Sachanteil, in dem der rein sachliche Inhalt der Botschaft vermittelt wird.
  2. Der Selbstoffenbarungsanteil, in dem der Redner etwas über sich selbst preisgibt.
  3. Der Beziehungsanteil, in dem der Redner etwas über die Beziehung zum Hörer preisgibt.
  4. Der Appelanteil, in dem der Redner vermittelt, was er sich vom Zuhörer wünscht.
Das Nachrichtenquadrat nach Schulz von Thun
😉

Schulz von Thun hat das wunderbar witzig mit einem Beispiel erklärt: Mann sitzt auf dem Beifahrersitz. Frau sitzt am Steuer. Mann sagt zur Frau:“ Es ist grün“. Er zeigt sehr witzig, welche Botschaften in diesem Satz enthalten sind. Du kannst es ja mal selber ausprobieren. 

Sowohl der Sprecher kann einen der vier Teile bewusst oder unbewusst betonen, als auch der Hörer ist in der Lage, einen Anteil bewusst oder unbewusst übertrieben stark herauszuhören oder sich auf einen bestimmten Anteil bewusst zu fokussieren. 

Wenn Du dazu neigst, immer das „Appelohr“ übertrieben weit geöffnet zu haben und Du jegliche Äußerung darauf untersuchst, ob etwas Kritisches enthalten ist, bist Du in einer Nachbesprechung Deines Unterrichts für die sachlichen Anteile, in denen ausgedrückt wird, was gut bei den Schülern angekommen ist, evtl. gar nicht offen. Es kann auch sein, dass Du ein besonders sensibles Ohr für Selbstoffenbarungen hast. Das ist natürlich hervorragend, wenn Du Deine Schüler berätst. Wenn Dein innerer Kritiker aber in Nachbesprechungen nur darauf aus ist, Dir gegenüber kritische Aspekte der Person des Hospitierenden herauszuhören, kann das doch sehr lästig für dich sein und führt letztlich nicht zu einem realistischen Bild von dem, was der Hospitierende Dir über Deinen Unterricht vermitteln will. Es ist also wichtig, dass Du Dich prüfst, ob Du nicht  mit einem Ohr besonders und damit fürs Gesamtbild unangemessen empfindlich oder laut hörst. 

Wichtig wäre, dass Du dein „Sachohr“ laut stellst. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall während der Nachbesprechung Protokoll zu führen und die Rückmeldungen zu sortieren in: „prima, klappt schon gut“ und „muss ich dran arbeiten“. Am Besten ist, Du nimmst Dir eine Referendariatskollegin mit, die ein Protokoll führt. Dann kannst Du Dich besser auf das Gespräch konzentrieren und ihr könnt anschließend noch über die Rückmeldungen reden, das Verständnis von dem Gehörten abgleichen und über die Konsequenzen für den Unterricht reden. 

Hilfreich kann es auch sein, wenn Du oder Ihr Euch nicht sicher seid, ob Ihr alle Aspekte der Rückmeldung richtig mitbekommen habt, dass Du den Hospitierenden fragst, ob das, was Du aufgeschrieben hast, von Dir richtig verstanden wurde und ob es vollständig ist. Dabei musst Du darauf achten, dass auch die Aspekte genannt werden, die Du schon gut machst, auf die Du dich verlassen kannst und an denen Du nicht mehr arbeiten musst. Das gehört zu einer guten Nachbesprechung dazu und darf nicht als „fishing for compliments“ missverstanden werden. 

Zu ergänzen ist noch, dass bei Referendarinnen, die schon weit fortgeschritten sind und weitgehend schon alles beherrschen, was im Referendariat zu lernen ist, die Hospitierenden schon mal „rumkümmeln“, also nur noch ganz spezielle Aspekte bzw. Kleinigkeiten ansprechen, weil alles Grundlegende schon 100-prozentig beherrscht wird. In solchen Situationen wird manchmal vergessen auch das Positive zu erwähnen, weil es aus Sicht des Ausbilders nicht mehr erwähnenswert ist, da es bei dieser Referendarin doch selbstverständlich ist. 

Zum Schluss will ich Dir noch eine schöne mentale Methode an die Hand geben, um mit Feedback professionell und angstfrei umgehen zu können. Sie heißt: „Feedback annehmen mit drei Ablagefächern“.

Wenn Du in eine Situation gehst, in der Du von jemandem Feedback bekommst, so stell Dir vor, dass vor Dir drei Ablagefächer stehen. Vor jedem Fach steht ein Schild. 

1. Fach: Direkt einsichtig, umsetzen.

2. Fach: Interessant, überprüfen, evtl. umsetzen.

3. Fach: Hat mit mir nichts zu tun. 

Die Kritik des Anderen ist immer seineSicht der Dinge. Es gibt im Unterricht keine absoluten Wahrheiten. Allzu oft haben wir ein „es kommt darauf an“. Es kommt auf die Schüler an, auf deren Vorwissen und Vorerfahrungen, auf deren Einstellung zur Schule, ihren sozialen Hintergrund, auf die Ziele der Lehrperson, auf die aktuellen Ziele der Schüler, auf die räumlichen Rahmenbedingen, etc. (Deshalb ist es sinnvoll, alle diese Merkmale, die auf Deine Unterrichtsplanung Einfluss genommen haben, in den Unterrichtsentwurf zu schreiben, damit der Ausbilder Deinen Ansatz gut verstehen kann.) Es kann sein, dass der Ansatz des Rückmeldenden überhaupt nicht zu Dir passt oder die Aussagen unsachlich und sogar verletzend sind. Oder es kann sein, dass Du den Eindruck hast, dass der Rückmeldende kaum etwas von dem Ansatz verstanden hat. Dann kommt das, was er sagt, ins Fach 3. 

Sind es Hinweise, die Du noch nicht ganz durchschaust, die aber Dich möglicher Weise weiter bringen können, so kommen sie ins Fach 2. Ins Fach 1 kommt alles, was du direkt einsiehst, was dir unbedingt hilft. Die Aspekte im Fach 2 sind sicherlich die Spannendsten, weil sie meist Aspekte enthalten, die Dir neu sind und andere Perspektiven eröffnen. Wenn sie sachlich sind, kann man in der Ausbildung natürlich auch viel Lernen, wenn man sich um die Dinge in Fach 3 kümmert. Dann schärft man seine Argumentationskraft und kann dann schlüssig beschreiben, wieso man mit diesem didaktischen Ansatz nicht d’accord geht, warum er nicht zu den eigenen Zielen und Ansätzen passt oder nicht zu den eigenen Schülern.

Referendarinnen, die sachliche Aspekte aus Fach 3 engagiert diskutieren, sind bei seriösen Ausbildern natürlich hoch anerkannt, weil sie von „Ihrer“ Pädagogik durchdrungen sind und ein eigenes konstruktives Anliegen haben und fachlich konsistent argumentieren können.

Ich bin gespannt darauf von Dir zu hören, ob Dir diese Hinweise und Ideen helfen werden. Freue mich auf eine Rückmeldung. 

Da Du ja demnächst selber an Deine Schüler Feedback geben wirst, kannst Du natürlich aus den Rückmeldesituationen, die Deiner Arbeit in der Schule gelten, viel darüber lernen, wie man es richtig macht oder es lieber nicht machen sollte. Und du kannst auch noch mal genau hinein spüren, wie Empfänger Rückmeldesituationen erleben, um Dich später besser in Deine Schüler hineinfühlen zu können.

Liebe Grüße