Brief 4, Januar 2019

Warum ist es wichtig sich gut mit Schüler_innen zu verstehen und wann und warum muss man es auch mal aushalten, dass die Schüler_innen nicht mit einem zufrieden sind bzw. einen doof finden? 

Liebe Dorothea,

ich will erst einmal was dazu sagen, warum Lehrerinnen mehr oder weniger zwangsläufig in die Situation kommen, dass Schüler sie kritisieren oder eben „doof“ finden. Es gibt den schönen Satz: „Die Lehrer*innenhelfen den Schülern, Probleme zu lösen, die sie ohne die Lehrer*innen nicht hätten.“

Das Lösen von Problemenist natürlich eine großartige Sache. Das ganze Leben ist eine Folge von Problemlösungssituationen, die uns Menschen wachsen lassen. Wir sind ja genetisch so angelegt, dass wir in ganz vielen unterschiedlichen Umgebungen (Wüste, Grönland, etc.) gut leben können. Die genetische Vorprogrammierung meint aber nicht, dass wir mit den Genen auf die Welt kommen, die uns das nötige Verhaltensprogramm für die Wüste oder das Leben auf dem Eis erlauben, sondern dass wir genetisch mit einem unglaublich lernfähigen Gehirn ausgestattet sind. Die Konfrontation mit der Natur (beim Laufen lernen die Schwerkraft), mit der Familie, mit Freunden, mit Lehrerinnen usw. fordert uns ständig heraus. Ständig sind wir Schwierigkeiten ausgesetzt, die wir überwinden wollen. So lernen wir z. B. das Laufen, das Sprechen, die soziale Umgangsweise in Gruppen und von den Lehrerinnen alles, was die Gesellschaft meint, was gut für die nächste Generation ist und für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Was die Kinder und Jugendlichen auf der Reise zum Erwachsenenalter an Problemlösungsarbeit leisten ist enorm. Mit Blick auf diese Leistung sollte jede Lehrerin ihren Schülern mit Respekt begegnen, auch wenn sie sich manchmal etwas „merkwürdig“ benehmen. 

Die Natur nimmt nun keine Rücksichten auf die Befindlichkeit des Heranwachsenden. Ihre Herausforderungen an den jungen Menschen sind nicht pädagogisch ab- und ausgewogen. Anders ist das bei Eltern und Erziehern bzw. Lehrerinnen. Sie stellen den Heranwachsenden ja in der Regel soviel Schutz zur Verfügung, dass sie gefahrlos aufwachsen können. Dieser Schutz wird, wenn es gut läuft, immer weiter zurückgefahren, damit das Kind an den Herausforderungen wachsen kann. Die Herausforderungen durch die Familie und die Gesellschaft sollten so gestaltet sein, dass sie von dem jungen Menschen gerne angenommen werden und er sie auch bewältigen kann. Dabei sollte man sehr genau schauen, welchen Entwicklungsschritt das Kindgerade macht. Wenn die Herausforderungen sich nicht nach dem einzelnen Individuum ausrichten, sondern, wie es in der Schule in der Regel der Fall ist, alle die gleiche Aufgabe bekommen, sind Über- und Unterforderungen nicht zu vermeiden. Schüler z. B., die in bildungsfernen Familien aufwachsen, kommen so leicht in Situationen, in denen sie überfordert sind. Das führt zu Frustration und vernichtet mit der Zeit die natürliche Neugier und Lernfreude. Der Misserfolg und die begleitende Beschämung durch Mitschüler und unsensible Pädagogen verstärken diesen Effekt.

Wie du weißt, können sich die Schüler den Schulbesuch nicht aussuchen, weil es die Schulpflicht gibt. Das ist einerseits sicher auch gut, weil es das Recht auf Bildung auch bei Kindern und Jugendlichen durchsetzt, die sonst möglicherweise eher im Geschäft des Onkels arbeiten müssten oder sonst wo für die Familie Geld verdienen, statt in die Schule zu gehen.Andererseits wird Schule damit zu einer Zwangsveranstaltung, in die man auch zu gehen hat, wenn man Angst hat, ständig wegen Überforderung beschämt zu werden, von seinen Mitschülern gemobbt wird und etwas lernen muss, was einen gerade überhaupt nicht interessiert, die eigenen Interessen und Sorgen in der Regel gerade überhaupt nicht behandelt werden oder weil man lieber mit Gleichaltrigen rumhängen will, Lernen anstrengend ist und es überhaupt manchmal im Bett viel gemütlicher ist. Die Liste der Gründe, warum manche Schüler nicht gerne in die Schule gehen, ist fast beliebig zu ergänzen. Andererseits gibt es natürlich auch die Spezies, die Leistung bringen, die viel Lernen wollen, damit sie Karriere machen können, schnell fertig werden wollen, damit sie bald Geld verdienen können, um sich was zu leisten oder auch diejenigen, die einfach neugierig sind und aus Lebenslust wachsen wollen. Während die Schüler, die die Schule für eine Zumutung halten, von der Lehrerin am liebsten in Ruhe gelassen werden wollen und es der Lehrerin deutlich zeigen, dass diese ausgesprochen lästig ist, sind die leistungsfokussierten Schüler mit der Lehrerin unzufrieden, da sie sich immer mehr um die schwachen Schüler kümmert und sie so nicht genug Lernfutter bekommen. Auch diese Schülergruppe zeigt oft in unangenehmer Weise ihreLangeweile und Unzufriedenheit (Ein Ausweg aus dieser Situation ist sicherlich das didaktische Konzept der Individualisierung, das ermöglicht, dass jeder Schüler an für ihn angemessenen Herausforderungen auf seine spezielle Art arbeiten kann. Solange dieses Konzept nicht umgesetzt ist, werden die Lehrerinnen mit der Unzufriedenheit der Schüler und ihrem Ausdruck zurecht kommen müssen). Zielobjekt der Unzufriedenheit ist immer erst einmal die Lehrerin. Sie ist die Vertreterin des Systems, und sie muss die Schulpflicht durchsetzen durch Anwesenheitskontrollen, Leistungsnachweise, disziplinarische Maßnahmen etc. Alles Aufgaben, die zu ihrem Job gehören. Deshalb sind Schüler immer mal wieder nicht gut auf Lehrerinnen zu sprechen.Aber sie meinen mit ihrem Unmut nicht die Person, sondern die Funktion der Lehrerin, die diese subjektiv unangenehmen Maßnahmen umsetzen muss. Es gibt Lehrerinnen, die Du in Deiner Schulzeit sicher auch erlebt hast, die versuchen aus dieser unangenehmen Situation herauszukommen, indem sie eben den Schülern keine Herausforderungen stellen, sie nicht zur Pünktlichkeit anhalten, über jedes Fehlverhalten hinwegsehen, um sich bei den Schülern nicht unbeliebt zu machen. Diese Lehrerinnen sind meist wenig geachtet, von diesen „Weicheiern“ will man nichts annehmen, da sie ja selber an das, was sie vermitteln nicht glauben und sich nicht wirklich mit den Schülern auseinandersetzen wollen. 

Aus meiner Sicht gibt es ein paar wirkungsvolle Empfehlungen für den Umgang mit der Unzufriedenheit und Unlust der Schüler. Wenn Du deine Schüler magst, wenn Du eine positive Beziehung zu ihnen hergestellt hast, wenn Du sie in ihrer Persönlichkeit ernst nimmst, wirst Du ihnen auch zeitweise und subjektiv unangenehme Herausforderungen stellen können, ohne dass sie auf Dich als Person sauer sind. Dazu gehört sicher, dass Du ihnen erklärst, was es für sie einen Sinnmacht, einen gestimmten Stoff zu beherrschen, warumes für sie einen Sinnmacht, bestimmte Verhaltensweisen und Kompetenzen zu beherrschen, warumes für sie einen Sinn macht, zu wachsen und die eigenen Ressourcen zu nutzen. Außerdem ist es wichtig, die Schüler darüber zu informieren, wasgenau gelernt werden soll und wiedie Noten zu Stande kommen. Auch solltest Du möglichst Lernzeiten und Prüfungszeiten klar trennen und markieren, damit die Schüler sich nicht ständig bewertet fühlen. Wenn Deine Leute merken, dass Du Dich um sie kümmerst, dass Du das Beste für sie willst, auch wenn Du sie mal „disziplinieren“ musst, nehmen sie Dir das letztlich nicht übel und Du steigst in ihrer Achtung.

Schüler merken schnell, so Du eine positive Beziehung zu ihnen hast, dass Du sie nicht quälen willst, wenn Du sie mal vor die Tür setzen musst, um in der Klasse eine lernförderliche Atmosphäre zu sichern. Schülerorientierung heißt, sich in sie hineinversetzen, versuchen sie zu verstehen, ihre Motive zu erkennen und sie mit Respekt zu behandeln, auch wenn sie sich mal unvorteilhaft benehmen. Das heißt nicht, dass man sich alles gefallen lassen und über „unverschämtes“ Verhalten hinwegsehen muss. Du wirst auch niemals alle Schüler erreichen können. Diese haben evtl. so viele, teilweise traumatische, Erfahrungen gemacht, dass Du nicht wirklich zu ihnen vordringen kannst. Dann wirst Du Dich sinnvoller Weise an Beratungslehrer wenden, um Ideen zu bekommen, wie man diese Schüler unterstützen kann, wie Du mit ihnen umgehen kannst. Aber letztlich ist zu beachten, dass Schüler Subjekte sind, die über sich selbst bestimmen und nicht die Objekte auch noch so bemühter Pädagogen.  In einem späteren Brief werde ich sicherlich auch mal etwas genauer zum Umgang mit „Störungen“ schreiben, wenn es Dich interessiert. Auch die Frage, ob man die Schüler siezen oder duzen sollte, ist in dem Zusammenhang spannend.

Aber vorab noch soviel. Wenn Schüler dich nerven, versuche heraus zu bekommen, was sie stört. Gehe im Einzelgespräch in den Dialog mit ihnen und frag sie, was sie brauchen, um gut lernen zu können. Mach ihnen auch klar, dass Du dafür verantwortlich bist, dass alleSchüler gut lernen können. Dadurch, dass Du Dich um sie kümmerst, sie Deine Aufmerksamkeit haben, sie nicht beschämt und von Dir mit Respekt behandelt werden, wird sich schon vieles lösen. Ist ein Verhalten der Schüler aber nachhaltig destruktiv und nutzen alle pädagogischen Bemühungen nichts, so müssen auch schon mal Ordnungsmaßnahmen umgesetzt werden. Würde man ihnen dieses Verhalten durchgehen lassen, würde der Schüler lernen, dass dieses Verhalten in dieser Schule ein akzeptiertes Verhalten ist. Er bräuchte sein Verhalten nicht verändern, weil es in dieser Situation ja offensichtlich ein erfolgreiches Verhaltenist (z. B. hat die Aufmerksamkeit, braucht nicht zu lernen, ist Chef im Ring, o. Ä.). Subjektiv erfolgreiches Verhaltenwird tief ins Gehirn eingeschrieben oder stabilisiert. Eine Lehrerin, die ein solches Verhalten toleriert, tut dem Schüler überhaupt keinen Gefallen, sondern verstärkt ein Verhalten des Schülers, das ihm in anderen Lebenssituation, z. B. am Arbeitsplatz, große Probleme machen wird. Außerdem signalisiert das Ausbleiben einer Sanktion den anderen Schülern, dass dieses unangemessene Verhalten von der Lehrerin toleriert wird. Die Lehrerin erscheint schwach oder uninteressiert und wird im Weiteren wenig Achtung und Anerkennung erfahren. Denn die Schüler wissen, die konsequente und auch manchmal strenge Lehrerin, die für eine gute Arbeitsatmosphäre für alle Schüler sorgt, indem sie störendes Verhalten nicht akzeptiert, ist die Lehrerin, die sich wirklich um ihre Schüler kümmert und einen guten Job macht. Deshalb kann man durchaus sagen, dass ein „böser Blick“ von Schülern durchaus auch eine Auszeichnung sein kann.

Für die alltägliche Arbeit mit den Schülern sollte man auf jeden Fall für ein lernfreundliches Klima sorgen. D.h. die Lehrerin macht freundlich, aber bestimmt klare Ansagen,sie benennt klare Regeln, wie z. B. Pünktlichkeit nach der Pause, besteht auf angemessenem Sprachgebrauch in der Klasse, Cap abnehmen, etc.  und sorgt dafür, dass in Einzel- und Gruppenarbeitsphasen die notwendige „Flüsterkultur“ herrscht.Die Lehrerin sitzt während dieser Phase vorne, die Schüler, die Fragen haben, kommen zu ihr nach vorn, die Lehrerin geht nicht oder nur, wenn unbedingt nötig, durch die Klasse. Dadurch ist sie ein Ruhepol und hat die Klasse insgesamt im Blick. Diese Regeln müssen durchgesetzt werden und treffen oft auf den Unmut einiger Schüler. Die meisten Schüler werden aber durch diese Maßnahmen in der Lage sein, in Ruhe zu lernen und zu arbeiten und so der Lehrerin dankbar sein, auch wenn sie es nicht offen zeigen.

Wir Pädagogen sind Menschen, die wie andere Vertreter dieser Spezies geliebt, anerkannt oder gesehen werden wollen. Das ist uns in die Gene gelegt, da die Liebe/Sympathie/Bindung den notwendigen Zusammenhalt in der Gruppe stärkt, ohne den früher besonders aber auch heute ein Überleben in dieser Welt kaum möglich wäre. Zu unserer Profession als Pädagogen gehört es aber auch, manchmal die Schüler mit unliebsamen Herausforderungen zu konfrontieren. Wir müssen die Ordnung sichern, Gefahren für Leib und Leben minimieren z. B. im Chemie- oder Sportunterricht, überschwänglichen Bewegungsdrang und Kommunikationsbedarf dämpfen, Schülermit ihrer aktuellen Leistungsfähigkeit durch Klassenarbeiten konfrontieren usw.Dies sind alles Tätigkeiten, mit denen man sich -oberflächlich betrachtet- nicht beliebt macht, die aber für die effektive Förderung der Schülerletztlich notwendig sind. In diesem Bewusstsein, dass auch die für die Schülermanchmal unangenehmen Aktionen der Lehrerin, letztlich in deren Interesse sind und zu deren positivem Wachstum beitragen, kann man ganz gut auch mit den genervten oder gelangweilten Blicken und Sprüchen der Schüler klarkommen. Also: Die auch mal strenge Lehrerin, die ihre Prinzipien durchsetzt, um ein freudvolles und effektives Lernen möglichst aller Schüler zu ermöglichen, weiß, dass es notwendig ist, das eigene Bedürfnis nach Zuneigung durch die Schüler auch mal hinten an zu stellen. Langfristig wird sie einen hohen Respekt und oft auch Dankbarkeit erfahren, was ihr wieder Kraft gibt, die manchmal anstrengenden und nervigen Situationen konstruktiv zu gestalten.

Die Schülerblicke, die Dir zeigen, dass sie Dich „doof“ finden, treffen direkt ins Gefühl, ins Emotionale, ins Selbstbewusstsein. Die Gedanken, die ich oben formuliert habe, sind erst einmal kognitiver Natur und haben nicht direkten Zugang zu den Gefühlen. 

Wenn Du sie Dir inoder besser nachsolchen Stresssituationen mit Schülern klar machst, werden sie Dich stützen und bestärken und Dir in zukünftigen Erfahrungen in schwierigen Situationen mit Schülern Sicherheit geben, weil Du weißt, dass Du letztlich einen guten Job machst. Diese Situationen sind natürlich auch pädagogisch sehr spannend und wirksam und machen so auch das „Salz“ des Lehrerinnenberufs aus.  Also: „Glück auf.“

Herzliche Grüße