Brief 5, März 2019

Wie gestalte ich einen guten Unterrichtseintieg? Was muss er können und bewirken?

Liebe Sophie,

Deine Frage bezieht sich auf die wichtigste Phase im Unterricht. Im Unterrichtseinstieg wird der Zug des gemeinsamen Lernens in Bewegung gesetzt. Es gibt sehr viel zu beachten, damit das nachhaltige Lernen der Schüler beginnen kann. Diese Phase ist nicht leicht zu gestalten, macht aber wegen der vielen Möglichkeiten und der Spannung ob es gelingt, auch am meisten Spaß. Ich schreibe dir zuerst, wozu der Unterrichtseinstieg so wichtig ist, was in dieser Phase gelingen sollte.

In der Schule wird gelernt. Das ist ihr Zweck. Schule soll die Schüler anregen, unterstützen, begleiten, einladen sich gezielt mit sich selbst und der Welt zu beschäftigen und dabei zu wachsen, sich zu entwickeln, eigene Wege zu gehen.

Moderne Konzepte der individualisierten Didaktik ermöglichen jedem Schüler in seiner Geschwindigkeit und auf seinen Wegen die Herausforderungen, die ihm von der Schule gestellt werden, zu bestehen. In dieser Didaktik nimmt die Schule darauf Rücksicht, dass nicht jeder Schüler zur gleichen Zeit die gleichen Interessen hat, nicht jeder Schüler mit der gleichen Lernmethodik erfolgreich arbeitet und nicht jeder Schüler in der gleichen Geschwindigkeit lernt. Bei der individualisierten Didaktik wird Wert darauf gelegt, dass der Schüler über ein Methodenrepertoire verfügt, mit dem er möglichst selbständig in sein Lernen findet. Die Lehrerin hat hier eher unterstützende Aufgaben.  Hast Du als Lehrerin aber eine „Klasse“ zu unterrichten und Du musst alleSchüler in einem bestimmten Zeitrahmen mit einem Thema erfolgreich herausfordern, sodass möglichst viele die Lernziele erreichen und die verlangten Klausuren bestehen, entstehen eine Vielzahl von Aufgaben für dich, willst du ihnen ein erfolgreiches und freudvolles Lernen ermöglichen.

Wie wir in vorher verfassten Briefen schon deutlich gemacht haben, findet nachhaltige Lernen, also Lernen, das für die Schüler in ihrem weiteren Leben Bedeutung hat, nur statt, wenn sie lernen wollen. Menschen bzw. Schüler wollen aber nur etwas lernen (sind motiviert zu lernen), wenn sie einsehen, wozu sie etwas lernen sollen, was für sie der Gewinn, der Gebrauchswert ist (Unter Gewinn, Gebrauchswert, Nutzen usw. ist hier alles zu verstehen, das dem Schüler hilft, ein erfülltes Leben zu führen. Ist also nicht nur auf den Beruf bezogen. Gemeint ist auch die Erfüllung, die man fühlt, wenn man z.B. eine Fuge von Bach versteht und sich hineinfühlen kann).Es ist aus dieser Perspektive wichtig, dass Du den Schülern im Einstieg klar machst oder sie finden lässt, warum gerade dieses Thema für sie und ihre Lebensgestaltung bedeutsam ist, welchen Gewinn sie aus der Beschäftigung ziehen können. Das heißt nicht, dass ein guter Unterricht immer damit beginnt, das „Warum“ zu klären und damit rein kognitiv gestaltet werden sollte. Ganz im Gegenteil kannst Du deine ganze didaktische Kreativität dazu nutzen, im Unterrichtseinstieg die Schüler z.B. vertraute und liebgewordene Gewohnheiten und Kenntnisse in Frage stellen zu lassen, sie mit einer strittigen Aussage zu provozieren, sie durch eine Präsentation neugierig zu machen, sie durch eine vordergründig richtige Lösung ein dahinter liegendes Problem finden zu lassen, ihnen mit der Kopfstandmethode alle Fehler vorzuführen, die man nur machen kann, usw. Es gibt bei der Planung des Unterrichtseinstiegs kaum Grenzen der didaktischen Kreativität und Phantasie um die Schüler mit dem Thema und den Lernzielen in Kontakt zu bringen und ihre Lernmotivation zu wecken. Es ist aber wichtig, dass am Ende der Einstiegsphase klar ist, wasgenau gelernt werden soll, wasdas Ziel ist und warumdieses Thema gelernt werden soll, bzw. was der Sinn der Beschäftigung mit diesem Thema ist (Bedeutsamkeitfür die Ausübung eines Berufs, für die Wahrnehmung von Aufgaben in Politik und Gesellschaft, für die Gestaltung eines erfüllenden Privatlebens, usw.). 

Damit das „Warum“ des Themas von den Schülern angenommen wird und sie mit dem Lernangebot eigene Ziele verbinden, bedarf es der guten Beziehung zwischen Schülern und Lehrerin und der Inspiration, die von der Lehrerin ausgeht. Sie werden nichts von Dir lernen wollen, wenn sie Dich nur „doof“ finden. Sie sollten Dich anerkennen als die Person, der sie vertrauen können, die es letztendlich auch in schwierigen Situationen immer gut mit ihnen meint und Du ihnen nur Themen zur Auseinandersetzung anbietest, von denen Du überzeugt bist, dass sie für die Schüler lohnenswert sind. Deshalb sind die Fragen, was die Schüler an diesem Thema interessieren kann, was sie davon haben, sich damit auseinander zu setzen, für Deine Unterrichtsvorbereitung sehr wichtig. (Manchmal werden Themen in Prüfungen abgefragt, die aus der Sicht der Lehrerin überholt sind. Hier empfehlen wir, diese Sachlage mit den Schülern zu besprechen. Oft findet sich eine kreative pragmatische Lösung, die es den Schülern ermöglicht, die Prüfungsaufgaben zu bewältigen, ohne dass zu viel Zeit dafür verwendet werden muss.)

Es ist sehr hilfreich, wenn die Schüler am Ende der Einstiegsphase ein eigenesthemenbezogenes Ziel formulieren, das sie anstreben in diesem Unterricht. Um dieses Ziel zu erreichen, muss auch klar sein, wie(methodisch) sie vorgehen wollen. So ist es in einer gelungenen Einstiegsphase auch wichtig zu klären, wie der Weg zum Ziel aussieht, den die Klasse, eine Gruppe oder jeder einzelne Schüler gehen werden.

Dabei müssen die Herausforderungen, die Problemstellungen, die mit dem Thema verbunden sind, den Schülern als machbar erscheinen (Erfolgsorientierung als Gelingensbedingung von nachhaltigem Lernen).Das stärkste motivierende Element ist, dass die Schüler erkennen, bei der Bearbeitung erfolgreich sein zu können (Ausschütten körpereigener Opiate).  So kann es hilfreich sein, dass Du ihnen das Gehen auf individuell angemessenen Lernwegen erlaubst bzw. durch entsprechendes Lernmaterial ermöglichst und somit die Erfolgsaussichten größer erscheinen.

Die Schüler fühlen sich oft auch ermutigt, sich mit einem Thema auseinander zu setzen, wenn sie merken, dass sie durchaus schon einiges davon kennen oder können. So wird die Aussicht auf Erfolg gestärkt und auch die entsprechenden Gehirnbereiche angeregt die durch die Bearbeitung des Themas weiter entwickelt werden sollen(Anschlussfähigkeit als Gelingensbedingung von nachhaltigem Lernen).  Dies erreichst du z.B. dadurch, dass Du die Schüler zu einer Frage- bzw. Problemstellung erst einmal bittest Stellung zu beziehen, ihre spontanen Antworten zu formulieren oder erste Problemlösungsideen zu formulieren. 

Aus den Antworten kannst du im „Lehrer-Schüler-Gespräch“ die Widersprüche, die Unstimmigkeiten, die Unvollständigkeit der Lösungsversuche herausarbeiten und damit das Vorgehen in der weiteren Stunde planen, um zu einer vollständigen und stimmigen Antwort oder Problemlösung zu kommen.

Schüler wollen in der Regel nicht nur „herumsitzen“ und sich Theorien „einverleiben“.

Viel lieber ist ihnen, sich mit einer Sache aktiv auseinander zu setzen (Aktivitätals Gelingensbedingung von nachhaltigem Lernen). Deshalb sind aktivierende Methoden im Einstieg wie z.B. Experimente; Methoden, die den lebendigen Austausch fördern; Rollenspiele, die zum Thema führen; Kollagen; etc. besonders wirksam.

Deine ganze liebevolle und kompetente Unterrichtsvorbereitung ist aber „für die Katz“, wenn in der Klasse kein unterstützendes Lernklima herrscht, in dem gut gelernt werden kann. Kein Schüler sollte in einem Klima der Angst und der Beschämung, der Unruhe und der akustischen Belästigung lernen müssen. Das soziale Klima sollte entspannt und optimistisch sein, es muss an den dafür notwendigen Stellen Ruhe herrschen, und ein gegenseitiges Zuhören sollte selbstverständlich sein. (positive Emotionalität als Gelingensbedingung von nachhaltigem Lernen). Für die konstruktive Lernatmosphäre und die für das Lernen notwendige Ordnung in der Klasse bist Du als Lehrerin zuständig. Du solltest deshalb bei deiner Unterrichtsvorbereitung immer auch berücksichtigen, dass Du im Unterrichtseinstieg eine Phase vorsiehst, in der Du den Schülern als Mensch begegnest, d.h. eine kleine Geschichte erzählst, Dir kleine Geschichten erzählen lässt, Du deine Freude ausdrückst sie zu sehen, gespannt bist auf die Erfolge des heutigen Unterrichts, etc.. Du solltest dann,  bevor Du mit deinen themenbezogenen Ansagen beginnst, darauf achten, dass Du die Aufmerksamkeit aller Schüler hast. Es schadet dem Respekt, den die Schüler Dir gegenüber haben, wenn Du es durchgehen lässt, dass sie quatschen oder ins Handy gucken, wenn du eine Ansage machst. Warte lieber so lange, bis alle zuhören. Dauert das zu lange, musst du evtl. mit dem einen oder anderen Schüler ein „normenverdeutlichendes Gespräch“ (Wortungetüm, das die Sache aber ziemlich gut beschreibt)führen. 

Der Lautstärkepegel sollte so geregelt sein, dass jeder Schüler die für das Lernen notwendige Konzentration aufbringen kann. Ein wirksamer Unterrichtseinstieg sichert deshalb auch immer, dass die verabredeten Verhaltensregeln bekannt sind und eingehalten werden.  

Zusammenfassend kann man sagen, dass Du im Unterrichtseinstieg den Schülern einerseits durch Deine Präsentation des Themas die Gelegenheit gibst, sich für die Bearbeitung eines Vorhabens zu motivieren und Du andererseits die Rahmenbedingungen zur Verfügung stellst und sicherst, in denen die Schüler erfolgreich lernen können.

Es sind also gerade auch im Unterrichtseinstieg die Gelingensbedingungen für nachhaltiges Lernen zu berücksichtigen.

  1. Bedeutsamkeit: Lege Wert darauf, dass deine Schüler die Bedeutung des Themas für ihr Leben erkennen und dass sie sich eigene Ziele setzen.
  2. Erfolgsorientierung: Achte darauf, dass deine Schüler im Unterrichtseinstieg erkennen, dass sie bei der Bearbeitung des Themas Erfolg haben können. 
  3. Anschlussfähigkeit: Lass die Schüler erkennen, dass sie auf das anstehend Thema bezogen eigentlich schon eine ganze Menge können oder wissen.
  4. Aktivität: Biete den Schülern auch schon im Einstieg Formen der Auseinandersetzung mit dem Thema an, mit denen sie möglichst vielseitig mit „Kopf, Herz und Hand“ aktiv werden können. 
  5. Emotionalität: Sorge für ein angstfreies und konstruktives Lernklima, sodass alle Schüler, die Lernen wollen auch Lernen können.

Es gibt drei sehr geeignete Unterrichtseinstiege, die drei verschiedene didaktische Schwerpunkte haben. Wir halten sie für sehr geeignet, um dem Novizen in der Unterrichtsarbeit eine erste hilfreiche Struktur und Orientierung zu geben.

Es sind der „informierender“ Unterrichtseinstieg nach Grell/Grell, der „problemorientierte“ Unterrichtseinstieg nach Roth und der „handlungsorientierte“ Unterrichtseinstieg, den Hilbert Meyer gut herausgearbeitet hat. 

Es lohnt sich, sich diese drei Strukturierungen mal anzuschauen.

Unterrichtseinstiege sind für den weiteren Unterricht ungeheuer wichtig. Sie sind für den kreativen Pädagogen aber auch besonders reizvoll, da man hier alles, was Spaß macht, umsetzen kann. Rollenspiele, Standbilder bauen, Experimente zeigen oder machen lassen, zielgerichtet Analysen von Texten durchführen lassen, Bilder malen, Zeitschriften für thematische Kollagen nutzen, Karikaturen, etc. . Für dich als Novize ist das alles erst mal unübersichtlich komplex und kompliziert. Später wirst du erkennen, dass die Planung und Durchführung von Unterrichtseinstiegen besonders reizvoll und befriedigend ist.

Herzliche Grüße