Brief 6, April 2019

Warum ist es eigentlich so wichtig, Ziele für den eigenen Unterricht zu haben?

Lieber Murat,

bei den meisten Handlungen, mit denen wir etwas erreichen wollen, haben wir ein Ziel.

Wenn der Reifen platt ist und wir den Reifen wechseln, haben wir das Ziel, dass das Auto wieder 4 funktionsfähige Reifen hat, mit denen wir problemlos weiter fahren können. Wenn die Kette des Fahrrads abgesprungen ist, haben wir das Ziel, dass die Kette wieder auf dem Ritzel sitzt. Die Vorstellung von dem Zielzustand gibt unserer Handlung eine Richtung und eine Logik und wir können überprüfen, ob das Ziel erreicht ist. Um angemessen handeln zu können, müssen wir also eine möglichst klare Vorstellung von dem haben, was wir erreichen wollen. Deshalb macht es Sinn, den Zustand den man erreichen will, genau zu beschreiben. Ziele beschreiben also den Zustand, den man anstrebt. Am Beispiel der Kette und der Autoreifen ist das relativ einfach: Ein Auto mit 4 Reifen, die nicht platt sind bzw. eine Kette, die auf dem Kettenblatt vorne und dem Ritzel hinten gerade aufliegt. Schwerer und problematischer ist es schon, wenn es um die Lehrziele des Lehrers geht. Beim Autoreifen und bei der Fahrradkette habe ich eine klare Vorstellung von dem Ziel und kann den Zielzustand leicht beschreiben, indem ich das Bild mit der Kette auf dem Ritzel vor meinem inneren Auge in Worte fasse. Ich kann dann das beschriebene innere Bild mit dem Ergebnis in der Realität vergleichen und kann so erkennen, wie weit ich dem Ziel schon näher gekommen bin. Wie kann ich aber ein Lehrziel (die neu von den Schülern gewonnene Kompetenz) beschreiben, sodass ich überprüfen kann, ob es erreicht ist. Wenn Schüler z.B. eine grammatikalische Regel lernen sollen, kannst Du Dein Ziel nur überprüfen, wenn Du den Schülern im Unterricht die Gelegenheit gibst, die Regel aktiv anzuwenden. Dann kannst Du über die Beobachtung des Schülerverhaltens (nennt man in der Didaktik auch Performanz)feststellen, ob die Schüler die Regel anwenden können, sie also gelernt haben. Es macht deshalb Sinn, als Ziel das Verhalten der Schüler nach Erreichen des Ziels zu beschreiben. Dann bist Du im Unterricht in der Lage, Deine Zielbeschreibung mit dem Schülerverhalten zu vergleichen. 

Beispiel: „Die Schüler*innen wenden die sprachliche Konstruktion „Relativsatz“ bei der Formulierung einer Wegbeschreibung richtig an, indem sie …“

Wenn Du also eine klare Vorstellung von dem zielgemäßen Verhalten (Lehrziel) der Schüler hast, kannst Du im Unterricht zu den geeigneten Situationen immer wieder den Fortschritt der Schüler durch die Beobachtung deren Verhalten einschätzen. So kannst Du auch erkennen, ob Deine didaktischen Entscheidungen richtig waren, ob Du die Schülervoraussetzungen richtig eingeschätzt hast, ob Du die richtigen Methoden gewählt hast, um dein Ziel zu erreichen. 

Auch für die Seminarleitung oder Deine Mentorin ist es natürlich wichtig, soll sie Dir effizient konstruktive Hinweise geben, dass sie über Dein Ziel informiert ist. Denn alle didaktischen Entscheidungen machen erst im Zusammenhang mit dem Unterrichtsziel Sinn. 

Ein weiteres mit Unterrichtszielen zusammenhängendes Thema ist die Frage, ob es überhaupt möglich ist, als Lehrer den Schülern Ziele vorzugeben, die diese erreichen sollen, ohne die Schüler zu „Objekten“des Schulsystems zu degradieren. (Die Würde des Menschen besteht im Wesentlichen in seinem Status als „Subjekt“ seiner Lebensgestaltung) Außerdem stellt sich die Frage aus lernpsychologischer Sicht: Kann ein Mensch überhaupt etwas nachhaltig lernen(Das Gelernte kann in späteren Lebenssituationen zur eigenen Problemlösung herangezogen werden), wenn es ihm von außen aufgeben wird, er es also nicht aus eigener Entscheidung will.

Wenn sie für die Entwicklung der Schüler nachhaltig wirksam werden sollen, können Ziele den Schülern nicht einfach aufgepfropft werden. „Lehrziele“, also die Ziele der Lehrer müssen, damit sie zu einer substantiellen Weiterentwicklung der Schüler beitragen, zu den Zielen der Schüler, also zu „Lernzielen“werden. Wenn die Schüler nicht erkennen, dass das Erreichen schulischer Ziele  für die Gestaltung ihres Lebens hilfreich und substantiell ist, werden sie nicht das Interesse, die Energie und Konzentration aufbringen, sich bewusst und ernsthaft mit dem entsprechenden Thema auseinander zu setzen. Dazu muss der Lehrer den Schülern Sinn und Zweck der Ziele erläutern, ihnen klar machen, welchen Bildungs- oder Gebrauchswert die Ziele haben. Der Lehrer, so er an einem nachhaltigen Lernerfolg interessiert ist, wird das Ziel haben, dass die Schüler das Ziel erreichen wollen. Dann haben die Schüler die Chance die „Subjekte“ihrer Lebensgestaltung zu sein und lernen Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Willst Du es erreichen, dass die Schüler sich die von Dir angebotenen Ziele zu eigen  machen, dann kannst Du  die Schüler mit spannenden Versuchen und Fragestellungen locken, sich mit dem anstehenden Thema auseinander zu setzen. Du kannst sie auch auch mit Formulierungen und Darstellungen konfrontieren und irritieren und somit engagierten Widerspruch provozieren. Du kannst sie mit ermutigende Worten und Gesten bestärken und sie mit Deiner eigenen Begeisterung für ein Thema inspirieren. Meistens ist es ganz wesentlich, am Anfang eines neuen Themas den Schülern den Sinn des Themas zu erläutern oder finden zu lassen und gemeinsam mit den Schülern die inhaltlichen Ziele dieser Unterrichtseinheit zu verabreden. Die Schüler  fühlen sich dann ernst genommen, sehen den Lehrer nicht mehr als „Diktator“, gegen den man legitimer Weise in der Schülerrolle revoltieren muss, sondern sie empfinden sich als mitbestimmendes Wesen, das in der Verantwortung für die eigenen Entwicklung steht.

Zwingen kannst Du die Schüler auf jeden Fall nicht, ihr Denken willig in die von Dir vorgegebene Richtung, auf Dein Lehrziel hin zu orientieren. Erzwungenes Lernen führt zu trägem und bedeutungslosem Wissen. Es wird in der Regel nach der Klassenarbeit wieder vergessen, da es bewusst über den Leistungsnachweis hinaus keine subjektive Bedeutung hat. Dieses Wissen ist mental mit dem Druck des Lehrers und der Angst vor dem Versagen verknüpft. Der Schüler will dann in der Zeit nach der Schule, wenn er das Gelernte gebrauchen könnte, gar nicht mehr an die Inhalte erinnert werden, da immer auch die mit dem Thema mental verknüpfte Angst wieder erinnert würde. Dinge, die mit Freude und Erfolg gelernt worden sind, werden hingegen gerne erinnert, weil mit ihnen auch das Erfolgserlebnis erinnert wird. 

Mit dem Hinweis, dass die Schüler an der Zielsetzung beteiligt werden sollen, ist nicht gemeint, dass die vorgegebenen Ziele aus dem Curriculum nun weniger Geltung hätten. Diese haben  nach wie vor ihre wesentliche Bedeutung, da sie Dir als Lehrperson eine Orientierung geben, was die Schüler an Wissen und Kompetenzen benötigen, um ihre Potentiale zu entfalten und unsere Gesellschaft zu erhalten und weiter entwickeln zu können. Natürlich helfen Sie Dir und den Schülern auch bei der Orientierung, was in angestrebten Abschlussprüfungen verlangt wird. Da die Schülern noch nicht über die notwendige Lebenserfahrung verfügen, um den Sinn der Inhalte und Kompetenzen,  die im Curriculum genannt sind, einzusehen, sind sie in Vertrauen auf Deine Lebensklugheit und Dein Wissen darauf angewiesen, dass Du ihnen den Sinn und die damit verbundenen Chancen näher bringst. Diese Deine Kompetenz, die Schüler von einem Thema zu begeistern oder ihnen zumindest den Sinn des „Stoffs“ zu erläutern, sodass sie aus eigener Initiative und Lernlust arbeiten, ist die eigentliche „Kunst“ des Lehrers. 

Wir können Dir also nur empfehlen, Dir bei der Unterrichtsvorbereitung klare Ziele für den Unterricht zu setzen, die Du den Schülern erläuterst und Du dann dafür wirbst, dass sie sich diese Ziele als ihre eigenen Ziele zu eigen machen. Achte immer im Unterricht darauf, dass die Schüler sich dem vereinbarten Ziel nähern. Hilf ihnen dabei, in dem Du das Ziel immer wieder in Erinnerung bringst, indem Du „Haltepunkte“ einrichtest, auf denen Du mit den Schülern klärst, was schon erreicht wurde und wie es weiter gehen soll. Viele kreative Methoden gibt es, um die Schüler ins Gespräch zu bringen (Kugellager, Rollenspiel, think/pair/square/share, Marktplatz, Placemat, Schreibgespräch, etc.) damit sie sich darüber austauschen, was sie schon verstanden haben und was es noch zu lernen gilt. Auch kleine schriftliche Tests können hilfreich sein und verlieren ihren Schrecken, wenn die Schüler die Funktion als Feedback verstehen. 

Wenn wir, die Autoren, ein Seminar planen, fragen wir uns immer zuerst: Was ist unser Ziel, was wollen wir erreichen? Wenn diese Frage beantwortet ist, läuft die weitere Planung meist deutlich einfacher. Nicht hilfreich ist es,  wenn man erst nach der Unterrichtsplanung fragt: Was soll ich eigentlich im Unterrichtsentwurf unter den Lernzielen schreiben?

Wie genau man Lernziele formulieren kann, sodass sie gut zu überprüfen sind, haben wir in einem Papier für unsere Seminare verfasst. Du findest es an angegebener Stelle auf der Website.

Textfeld: Laotze: Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.

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