Brief 7, Oktober 2019

Wie kann man Schüler*innen motivieren?

You can’t command the winds. But you can set the sails. Thomas S. Monson

Die mechanistische Bildungsauffassung wird von der Annahme geleitet, dass der Mensch aufgrund von externen Impulsen seine kognitiven, affektiven und psychomotorischen Anlagen bzw. Fähigkeiten verändere. Kösel/Dürr

Liebe Judith,

Du hast mich gefragt, wie man Schüler motivieren kann. Ja, das ist eine wichtige Frage. Die Eltern verlangen es von den Lehrer*innen; die Schulleitungen verlangen es, wenn die Klassenarbeiten zu schlecht ausfallen; die Politiker sind mit den Lehrern unzufrieden, da sie sich offensichtlich nicht genug anstrengen, um die Schüler zu motivieren; ja sogar die Schüler wünschen es sich, dass der Lehrer oder die Lehrerin sie „mal schön“ motivieren solle. Wenn Du fragst, wie man Schüler*innen motiviert, steckt da ja schon drin, dass Du glaubst, dass Motivation machbar wäre, dass man das nur zu lernen bräuchte.  Es gibt so viele Schülerinnen und Schüler, die nicht gerne in die Schule gehen. Haben die Lehrer alle versagt, sind sie zu schlecht ausgebildet, dass sie die Schüler*innen nicht motivieren können? Sind die Kinder bis zum sechsten Lebensjahr noch neugierig  und wollen alles verstehen und alles können, so verschwindet diese Einstellung zum Leben wie durch einen lähmenden Zauber, wenn sie ein paar Monate oder Jahre in die Schule gegangen sind. Schule ist dann blöd, die Lehrer sind blöd, man ist viel zu cool, als dass man Schule gut finden könnte. Klar, dafür ist vielleicht auch die Pubertät verantwortlich, die Negativkultur in den Peergroups, etc.. Aber wenn die Lehrer*innen motivieren könnten, warum tun sie es dann nicht? Ich sag es Dir: Weil man einen Menschen nicht motivieren kann. Ein Mensch kann sich nur selber motivieren. Warum das so ist, erkläre ich Dir im Weiteren.

Sag mal ehrlich, fändest Du es richtig, wenn jemand Dich motivieren könnte? Wenn er oder sie letztlich direkten Einfluss auf Deinen Willen, Dein Denken und dein Handeln nehmen würde. Fühltest Du dich dann nicht als Objekt des Willens eines Anderen. 

Es würde Deiner Würde als Mensch widersprechen, wenn man Dich von außen motivieren bzw. manipulieren könnte, dass Du Dich einer bestimmten Sache zuwendest. Es wäre, als würdest Du jemandem eine Fernbedienung für Dich in die Hand geben. Man würde Dich behandeln wie eine Sache, wie ein Objekt, das man beliebig formen und bewegen kann.

Die Würde des Menschen ist im Wesentlichen darin begründet, dass er ein sich selbst organisierendes und steuerndes Wesen ist. Der Mensch, der in Würde lebt, ist grundsätzlich Subjekt in seiner Lebenswelt und nicht Objekt. Könnten Lehrpersonen Schüler*innen motivieren sich mit bestimmten Inhalten auseinander zu setzen, würden sie von der Lehrperson zum Objekt ihres Willens gemacht. Motivation bedeutet jedoch, dass ein Mensch aus innerer Überzeugung, gemäß einer autonom getroffenen Entscheidung sich um eine Sache kümmern, ein Anliegen verfolgen, eine Sache klären, eine Kompetenz erlangen will. Diese selbstbestimmte Motivation ist die „conditio sine qua non“ der Bildung. Diese Motivation, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und für sich die angemessenen Entscheidungen zu treffen, ist die Voraussetzung dafür, dass die Schülerin oder der Schüler nachhaltig lernt, Kreativität entwickelt, Selbstverantwortung und Selbstorganisationsfähigkeit lernt,  eigene Überzeugungen und Werte bildet, kurz einen „aufrechten Gang“ entwickelt. Es gilt der Satz: „Wer keine Schafe haben will, darf keine Zäune bauen.“

Es gibt einen weiteren, einen erkenntnistheoretischen Ansatz, der die Unmöglichkeit der Motivation durch die Vorgaben anderer verständlich macht. Der Konstruktivismus. Er wurde begründet unter anderem von den chilenischen Biologen Humberto  Maturana und Francisco Varela. Er stellt dar, dass alle Reaktionen oder Aktionen eines lebenden Systems nur durch die eigenen inneren Strukturen direkt gesteuert werden.

Demnach ist der Mensch ein selbstreferentielles (selbstbezügliches) System. Das heißt, die geistigen und körperlichen Prozesse laufen gemäß der inneren Struktur und ihrer Wirkprinzipien selbstgesteuert ab. Auf äußere Einflüsse bzw. Rahmenbedingungen reagiert das System gemäß seiner inneren Möglichkeiten. Die äußeren Einflüsse, z.B. die „Lernumgebung“ haben einen Einfluss auf das Gehirn und den Körper des Menschen, aber wie genau dieser Einfluss wirkt, ist gänzlich von der Struktur bzw. den individuellen geistigen und körperlichen Wirkmechanismen abhängig, die im Gehirn durch Erfahrung gebildet wurden. Durch eine spezielle, mit dem Ziel der Motivation der Schüler durchgeführte Maßnahme einer Lehrperson, kann deshalb niemals, wie in einem physikalischen oder chemischen System, deterministisch eine bestimmte Reaktion des Lernenden erreichen. Jeder Lernende reagiert gemäß seiner durch seine Vorerfahrungen gebildeten Werte, Einstellungen, körperlichen und geistigen Ressourcen anders auf die Impulse der Lehrperson.  Die Forderung von Schülern, Eltern, Schulleitungen oder Mitglieder der Schulorganisation bzw. der Politik die Lehrer*innen hätten die Schüler*innen nur kompetent zu motivieren, geht gänzlich ins Leere, da, wie dargelegt, Motivation nicht von außen „gemacht“ werden kann. Die Schüler*innen ständig mit Leistungsnachweisen und Zeugnissen unter Druck zu setzen, sie ständig mit drohendem Scheitern zu konfrontieren und gegebenen falls wegen einem „nicht Genügen“ zu kritisieren und zu beschämen verleidet jede Freude am Lernen, lässt die Lust verkümmern, selbständig die „Welt zu entdecken“, eigene Werte zu erkennen, kurz sich zu bilden.

Die Reaktion des „jetzt erst recht“, die den Druck und die Beschämung bei einigen wenigen Schüler*innen auslösen und die Schüler manchmal dazu anstachelt, es dem Lehrer oder den Eltern „zu zeigen“ und Höchstleistungen zu bringen,  sind dann doch eher Trotzreaktionen, die kein selbstbestimmtes Lernen mit Freude auslösen. Solche seltenen Trotzreaktionen können keinesfalls legitimieren,  eine ganze Klasse unter Druck zu setzen, abzuwerten oder zu beschämen. 

Du kannst natürlich einwenden, dass es der Werbung, den Medien und der Politik gelingt, Menschen in ihrem Sinne zu beeinflussen, also ihr Verhalten von außen zu bestimmen bzw. zu manipulieren. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Angesprochenen zu dem Werbeangebot oder dem politischen Konzept „ja“ sagen. Wenn also die mentalen Strukturen bzw. individuellen Einstellungen des Nachrichtenempfängers es für sein Gesamtsystems als günstig erscheinen lassen, sich nach den Empfehlungen zu richten und sich entsprechend zu verhalten. Die entsprechenden  mentalen Strukturen bzw. individuellen Einstellungen werden vom Individuum gebildet in der Auseinandersetzung mit seiner Lebenswelt, zu der natürlich ganz wesentlich die Familie, der Kindergarten und die Schule gehören. Diese Auseinandersetzung mit der Lebenswelt führt zu geistigen und körperlichen Ressourcen, die es dem Heranwachsenden ermöglicht, in dieser seiner Lebenswelt zu überleben. Das heißt in der aufgeklärten Demokratie des 21. Jahrhunderts auch, mit scheinbar vorteilhaften, scheinbar logischen, scheinbar wertvollen, scheinbar nützlichen Angeboten kritisch umgehen zu können. Das heißt, sich nicht zum Objekt der Werbeindustrie und der Politik machen zu lassen, sondern gemäß eigener Werte und Ziele zu entscheiden. Dies gelingt, wenn der Heranwachsende lernen kann, sich bilden kann. Das ist das Feld der Schule. Sie kann die Schüler nicht wie gezeigt wurde, zwingen, sich motiviert mit einem Sachverhalt oder Lernfeld auseinander zu setzen. Was Schule allerdings kann und unbedingt sollte, ist es, den Schüler*innen mit Räumen, Medien und vor allem mit gut ausgebildeten und hoch motivierten Lehrpersonen Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, in denen sie sich selbst zu engagiertem Lernen, Forschen, Problemlösen motivieren können. Solche Rahmenbedingungen sind unersetzlich.  In solchen Lernumgebungen können die Lehrer*innen die Lernenden oft erfolgreich „einladen, ermutigen und inspirieren“ (Gerald Hüther) sich mit selbst gesuchten oder angebotenen Herausforderungen oder Problemen auseinander zu setzen. Zu diesen Rahmenbedingungen gehört, dass die Schüler*innen als selbständige Subjekte agieren können und nicht zu Ausführenden (Objekte) von Anweisungen der Lehrpersonen degradiert werden. In solchen Rahmenbedingungen haben die Schüler*innen die Möglichkeit, ein gut gefügtes, menschliches Wertesystem zu entwickeln und Kompetenzen herausbilden, die es ihnen erlauben, ihre wirklichen Bedürfnisse zu erkennen und sich gegen manipulative Einflüsse von Werbung und Politik zur Wehr zu setzen und „Nein“ zu sagen. (Am Beispiel eines  gebrochenen Armes kann man die Wirkung und Begrenztheit von förderlichen Rahmenbedingungen gut klar machen: Der Arzt gipst den Arm, versieht ihn mit einem Rahmen. Auf den Prozess des Zusammenwachsens hat er wenig bis keinen Einfluss. Das muss der Körper selber machen.)

Das, was ich Dir bisher geschildert habe, soll aber nicht heißen, dass es völlig egal wäre, was Du mit deinen Schülern im Unterricht machst. Ich schildere Dir jetzt ein paar Aspekte zu Rahmenbedingungen, die es den Schüler*innen erleichtern, sich zu motivieren. 

Ein zentraler Aspekt ist es, dass sich Deine Schüler in Deinem Unterricht wohl fühlen, denn die neuen kognitiven Strukturen, die sich im Unterricht bilden, werden immer mit den Emotionen verbunden abgespeichert, die die Schüler*innen beim Lernen empfunden haben.  Wird das Gelernte erinnert, werden auch immer die Gefühle erinnert, die den Lernprozess begleitet haben. Sind das Gefühle der Kränkung und Beschämung, des Scheiterns und des Misslingens, werden die gelernten Inhalte lieber nicht bewusst gemacht und verdrängt. Sie stehen also bei anstehenden Herausforderungen zur Problemlösung nicht mehr zur Verfügung. Das Lernen war umsonst. Das kann man oft im Zusammenhang mit solchen „Lieblingsfächern“ wie Chemie oder Mathe beobachten. Vielen Schüler*innen wollen mit diesen Fächern später nichts mehr zu tun haben, weil sie nicht mehr an die Schmach des dauernden Scheiterns erinnert werden wollen.

Zum Wohlfühlen gehört auch, dass die Schüler*innen sich von Dir und den Mitschüler*innen gesehen, angenommen und wertgeschätzt fühlen. Deshalb ist eine gute  Beziehung zwischen den Schüler*innen und Dir,  aber auch zwischen den Schülern untereinander eine wichtige Rahmenbedingung. Du solltest Dich bemühen, jeden Schüler und jede Schülerin einzeln wahrzunehmen. Schon ein freundliches Nicken kann Wunder bewirken. Auch „Morgenrunden“ bei denen jeder Schüler kurz darstellt, wie es ihm oder ihr geht und was er oder sie sich für den heutigen Tag vorgenommen hat, ob es Wünsche oder Kritik gibt, ist eine schöne Methode, in der du deinen Schüler*innen Ihre Erfolge zurückmelden kannst, Du Ihnen Hilfestellung bei Schwierigkeiten anbieten und letztlich eine entspannte, konstruktive und wertschätzende Beziehung aufbauen kannst. Zur lernförderlichen Rahmenbedingungen gehört auch, dass die Schülerinnen und Schüler sich in der Schülergruppe miteinander wohlfühlen. Deshalb ist eine respektvolle, anerkennende und faire Kommunikation zwischen den Schülern im Klassenverband und in Kleingruppen wichtig. Hier kannst Du durch ein professionelles Einwirken auf die Gruppendynamik gegenseitiges Verständnis fördern und eine gute  Kommunikation zwischen den Schülern bewirken und damit abwertende Äußerungen, Ausgrenzungen und Mobbing unterbinden.

Die von Dir angebotenen Lernbereiche müssen so zugeschnitten sein, dass der oder die Lernende mit unterstützender Beratung durch Dich sich diejenigen Herausforderungen auswählt, die er oder sie erfolgreich bewältigen kann. Schüler*innen, die beim Lernen Erfolg haben, erleben Freude beim Lernen. Diese Freude, die durch die im Belohnungssystem des Gehirns ausgeschüttete körpereigener Opiate ausgelöst wird, führt dazu, dass die Lernenden immer wieder motiviert sind, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Sie erleben das Lernen als eine Tätigkeit verbunden mit hoher Lebensqualität und Lust. Die mit Freude gelernten Themen werden durch das begleitende Ausschütten von bestimmten Stoffen im Gehirn (sogenannte Neurotransmitter) besonders fest „verknüpft“.

Diese besonders nachhaltige Verknüpfung von neuen Denk- und Verhaltensmöglichkeiten im Gehirn ist auch daran geknüpft, dass die zu lernenden Zusammenhänge vom Schüler oder der Schülerin als wichtig und bedeutsam erkannt werden. Zu den Rahmenbedingungen, die die Lernmotivation der Schüler*innen ermöglicht, gehört es also auch, dass Du Deinen Schüler*innen immer die Sinnhaftigkeit des Lerngegenstandes für die eigene Entwicklung, für die Bewältigung ihrer privaten, gesellschaftlichen und  beruflichen Herausforderungen erläuterst. Am aller wichtigsten dabei ist es natürlich, dass Du die Schüler*innen mit Deiner eigenen Begeisterung für den Lerngegenstand inspirierst und neugierig machst . Und Du ihnen zeigst, dass sie Dir wichtig sind, dass Du gerne mit ihnen zusammen bist und Du an ihre Potentiale glaubst.

In der Grafik unten habe ich die wesentlichen Aspekte, die Du in deinem Unterricht beachten solltest nochmal strukturiert. 

Wie du in dieser Struktur lesen kannst, 

  • ist ein Klima des Respekts, der Achtung und der Wertschätzung für ein motiviertes Lernen notwendig. 
  • Eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin ist eine kaum zu überschätzende Voraussetzung für das motivierte Lernen der Schüler*innen. 
  • Die Schüler*innen wollen die Bedeutung oder den Sinn erkennen, die hinter Deinen Lernangeboten stecken. Sie wollen erkennen können, warum es für ihren Beruf oder ihr Leben nützlich, hilfreich oder auch erfüllend sein kann, wenn sie sich das Wissen aneignen oder diese spezielle Kompetenz entwickeln. 
  • Schüler*innen wollen Erfolge haben. Erfolg ist der stärkste Motivator. Deshalb wollen deine Schüler*innen von dir sinnvolle Herausforderungen, die sie erfolgreich bewältigt können. 

In diesen Rahmenbedingungen ist ein motiviertes Lernen möglich. Zwingen kann niemand einen Schüler oder eine Schülerin zum verstehenden Lernen. Aber wir Lehrerinnen und Lehrer können unsere Schüler*innen, einladen mit uns ins Abenteuer des Lebens aufzubrechen, wir können Sie ermutigen, trotz unangenehmer Erfahrungen das Lernen und Problemlösen neu zu wagen, und wir können sie mit unserer Begeisterung für das Thema dazu inspirieren, sich auf etwas offensichtlich Erfüllendes einzulassen.