Brief 8, November 2019

Schüler*innen und Lehrer*innen begegnen sich auf Augenhöhe. Was ist damit gemeint?

„Die Autorität des Lehrers schadet oft denen, die lernen wollen.“ Markus Tullius Cicero

Lieber Valentin,

Dein wertschätzender Blick ist die kraftvollste Zuwendung, die eine Schülerin oder ein Schüler von Dir bekommen kann. Dein Blick, der Deinem Schüler oder Deiner Schülerin signalisiert „du bist ok“ wie du bist. Dein Blick, der Deiner Schülerin oder Deinem Schüler glaubhaft deutlich macht, dass er oder sie für Dich als Mensch gleichwertig ist, Du dich mit ihr oder ihm auf Augenhöhe austauschen willst. Dein Blick, der ihm oder ihr versichert, dass er oder sie Vertrauen darin haben kann, dass du sie oder ihn nicht beschämen wirst, auch wenn er oder sie ihre eigenen Werte lebt, die sich möglicherweise von Deinen unterscheiden. 

In einem zwischenmenschlichen Klima, das durch solche Blicke geprägt ist, kann sich bei den Schülerinnen und Schülern ein Vertrauen zu Dir und den Schülern*innen aufbauen. Dies ist die wichtigste Voraussetzung dafür, neue Zuversicht zu bekommen. Auf dieser Basis können sie sich ihren Mitmenschen gegenüber öffnen, Neues ausprobieren, Erfahrungen des Scheiterns  revidieren und neuen Mut  fassen.

Für viele Schülerinnen und Schüler an den Berufsschulen ist ein solches Klima besonders wichtig. Viele von ihnen haben ein schwach ausgebildetes Selbstwertgefühl. Sie sind oft beschämt worden, weil sie den üblichen Leistungs- und Verhaltensanforderungen nicht gerecht werden konnten oder in den entsprechenden Situationen nicht wollten. Einige Schülerinnen und Schüler zeigen Verhaltensweisen, die eher unüblich sind. Es sollte Dir bewusst sein, dass die Schüler*innen diese Verhaltensweisen als Überlebensstrategien gelernt haben, auf die sie sich erst einmal verlassen können. Wenn wir unseren Schülern „auf Augenhöhe“ begegnen, dann meint das, dass wir sie in ihrem Sosein respektieren und als Menschen annehmen. Wir überprüfen und thematisieren in einem Vertrauensverhältnis, die Eignung ihres Verhaltens für ihr eigenes Wachstum und für das hilfreiche Zusammenleben in unserer Schule. 

Du bist natürlich als Lehrer auch in den Rollen des Bewertenden und der Ordnungskraft. Diese Rollen implizieren natürlich, dass Du über die Grundregeln Eures  Zusammenlebens z.B. Gewaltfreiheit in der Schule mit den Schülern nicht diskutieren kannst. Du bist klar in der Durchsetzung der geltenden Regeln, indem Du die Regeln erklärst und die Konsequenzen von Regelüberschreitungen aufzeigst.  Das gestaltest Du am besten in Gesprächen „auf Augenhöhe“. D.h. die Schüler*innen werden von Dir als erwachsene, für ihr Verhalten verantwortliche Personen angesprochen. Wenn nötig solltest Du das unpassende Verhalten darstellen und in seiner Regelwidrigkeit beschreiben.  Auf Augenhöhe heißt, dass Du davon ausgehst, dass die Schüler*innen als Subjekte oder „Steuerleute“ ihres Lebens, auch die Kraft und Entscheidungsfähigkeit haben, das Unpassende ihres Verhaltens zu erkennen und dieses zu verändern. Du solltest den Schüler*innen deutlich , dass eine nachhaltige Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeiten immer ein selbstbestimmter Weg im Austausch mit Anderen sein muss, der nur mit Wertschätzung und Vertrauen der Mitmenschen und über Verstehen und Einsicht gelingen kann.